• S.

    Wien 30/5 93

    Liebster Freund

    Ich bin wieder geheilt, den̄ es
    macht mir wieder Vergnügen
    an Dich zu schreiben.

    Von einem solchen Wohnungs-
    gesundheitsamt in Wien ist
    mir nichts bekannt. 

    Daß Dich die Leute überlaufen,
    zeugt dafür , daß sie doch im
    Ganzen wissen, was sie thun.
    Ich bin neugierig, ob Du die
    Diagnose in den von mir
    geschickten Fällen anerken̄en
    wirst. Ich mache die Diagnose jetzt
    sehr oft u stim̄e Dir ganz bei
    daß die Nsrflx zu den häufig-
    sten Störungen gehört. Leider
    bin ich der Executive nie sicher
    Auch das Band mit der Sexualität
    schlingt sich im̄er enger, schade
    daß wir nicht dieselben Fälle

  • S.

    bearbeiten können.

    Auf so etwas wie gekreuzte Reflexe
    bin ich auch unlängst gestoßen.
    Ferner habe ich vor kurzem eine
    eigene schwere Migraine durch
    Cocain unterbrochen (für 1 Stunde)
    die Wirkung kam aber erst,
    nachdem ich auch die Gegenseite
    cocainisirt hatte, u dan̄ prompt.
    In der sexuellen Aetiologie
    der Neurosen sehe ich eine
    gute Möglichkeit wieder
    eine Lücke auszufü llen.
    Die Angstneurosen jugendlicher
    Personen, die man für virginal
    ansehen muß, die nicht dem
    Misbrauch unterworfen waren
    glaube ich zu verstehen. Ich habe
    2 solcher Fälle analysirt, es
    war das ahnungsvolle Grausen
    vor der Sexualität dahinter
    Dinge, die sie gesehen oder gehört

  • S.

    und halb verstanden hatten, also reine
    Affektaetiologie aber doch sexualer
    Art.

    Das Buch, das ich Dir heute schicke,
    ist nicht sehr interessant.
    Die hyst. Lähmungen, kleiner und
    interessanter, erscheinen anfangs
    Juni.

    Mein Volk geht morgen nach
    Reichenau. – Ich habe bereits den
    ersten Schüler aus Wien für die
    Therap. Poliklinik angeworben.
    Gehtes mit dem blonden
    Danziger Jüngling?

    Herzlichste Grüße an Dich
    u Ida von unserem ganzen
    Haus
    Dein Sigm Freud

  • S.

    Ich setze fort, weil ich jetzt
    besser schreibe; um Dir folgendes
    Problem vorzulegen:
    Es giebt unzweifelhaft Fälle von
    juveniler Neurasth ohne Masturbation,
    aber nicht ohne die gewöhnliche
    Einleitg überhäufiger Pollutionen
    also gerade so, als ob Onanie
    dagewesen wäre. Für das Verständniß
    dieser Fälle habe ich nur folgende
    unbewiesene Ausflüchte:
    1) angeborene Schwäche des Genital-
    und Nervensystems
    2). Misbrauch in der Zeit vor der
    Pubertät. ·
    Könnten nicht 3) organische Verändergen
    der Nase die Pollut u damit
    die Neurasth produciren, so daß
    letztere hier als Produkt
    der nasalen Reflexnoxe entsteht?
    Was meinst Du u weißt Du etwas?