• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    3. 4. 98
    Theurer Wilhelm

    Ade Ostern! Ich kann auch nicht daran
    denken nach Berlin zu km̄en 
    denn Ida's Zustand die Besetzg des
    Fremdenzim̄ers durch Deine Mama
    sind nicht einmal die einzigen Ab-
    haltungen. Meine eigene Mutter ist
    jetzt auch dort, bei meiner Schwester,
    u es wäre gar nichtanders möglich,
    als daß ich einen Theil der ohnehin
    kurzen Zeit ihr widme. Ich werde
    verdroßen irgendwohin gehen, viel-
    leicht mit meinem Schwager, wo man
    sich krampfhaft nach Grün u Blumen
    sehnen wird, die es noch nicht giebt,
    und werde das nicht hören u nicht
    sagen können, was ich wollte. Nach
    jedem unserer Congreße war ich
    für Wochen neugestärkt; die Einfälle
    drängten sich nachher, die Lust an
    der schweren Arbeit stellte sich

    wieder her, u die flackernde
    Hoffnung, den Weg durch das Gestrüpp

  • S.

    zu finden, brannte für eine Weile
    ruhig und leuchtend. Lehrreich ist diese
    Entbehrung für mich nicht, ich wußte
    es immer, was unsere Zusam̄en-
    künfte mir bedeuten.

    At odd hours schreibe ich am Traum-
    buch weiter, ein zweiter Abschnitt 
    der sich mit den Traumquellen
    u typischen Träumen beschäftigt 
    ist beinahe vollendet, aber weit
    weniger befriedigend als der erste
    u wahrscheinlich der Umarbeitung
    bedürftig. Sonst sagt mir die
    Wissenschaft gar nichts, es ist auch
    kein anderes Interesse als für
    den Traum in mir lebendig.

    Die Influenza ist nach geringem
    Schaden u ohne Vorliebe für
    das männliche Geschlecht zu zeigen
    abgelaufen. Das Volk ist lebhaft
    u amüsant, die Frauenzim̄er wol,
    der Mann grantig.

     

  • S.

    Dr. G schicke ich heute seine Arbeit
    zurück, ohne Einfluß auf sie ge-
    nom̄en zu haben. Es widerstrebte
    mir nach der letzten Erfahrung
    mit seiner Theorie, die mich überhpt
    um ein weiteres Stück abgekühlt
    hat. Ich merke, daß ich ihn Dir angehängt
    habe; ich hoffe, da Du Dich wehren
    wirst. Im Grunde bist Du nämlich
    noch viel gutmüthiger als ich.

    Stricker ist gestern gestorben, er
    war ein bedeutender Mensch 
    eine harte Persönlichkeit, der es
    gelungen war, seine im Wesen gemeine 
    aber fanatische Natur mit wissen-
    schaftlichem Streben zu identificiren.
    Mir war er persönlich befeindet.
    Ich habe ein Wort von ihm aus der
    Zeit, da ich in seinem Laboratorium
    arbeitete, bewahrt, den Rath sich
    nie mit Kleinigkeiten abzugeben,
    sondern sich an eines der großen
    Probleme des Lebens heran-
    zuwagen. Die Befolgung dieses

  • S.

    Rathes illustrirt dan̄ sein Schüler Gärtner.

    Die Kinder wollen, daß ich heute das
    große Reisespiel „100 Reisen durch
    Europa mit ihnen spiele. Ich werde
    es htun, denn auch die Lust zur
    Arbeit ist nicht im̄er vorhanden.

    Meine Vorlesung langweilt mich,
    ich mag die Hysterie nicht vortragen,
    weil mir an zwei wichtigen
    Stellen die sichere Entscheidung
    fehlt.

    Sehr gerne möchte ich heuer wieder
    in unser schönes Italien aber
    der Erwerb war schlecht. Ich
    muß sparen.

    Also, der Congreß ist tot, es lebe
    der nächste! Zu dem Zwecke
    finde ich es unerläßlich, daß
    Ihr beide einmal in Ordnung
    kom̄t.
    Mit herzlichsten Wünschen
    ​​​​​​​zu diesem Ende
    Dein Sigm