• S.

    Wien 28.3.95.

    Liebster Wilhelm

    Ich weiß was Du zuerst erfahren willst. Es
    geht ihr also erträglich volle Beruhigg
    kein Fieber, keine Blutg, der vor 6 Tagen
    eingelegt Tampon liegt noch; wir hoffen vor
    neuen Überraschgen sicher zu sein. Natürlich
    beginnt sie mit der Neubildg von Hysterien
    aus diesen Zeiten die dan̄ von mir zersetzt
    werden.

    Daß es Dir noch nicht recht ordentlich geht, muß
    ich auch so hinnehmen, hoffentlich nicht
    für lange. Ich meine Du wirst Dich bald heraus-
    gearbeitet haben u dan̄ zuerst an die
    Wehengeschichte gehen. Zufällig hatte ich unlängst
    eine Unterhaltg mit Chrobak darüber. Mein
    Eindruck war ein ungünstiger. Ich sähe es gern 
    wen̄ Du auf seine Fälle ganz verzichtest, die
    Du doch auch nicht nötig hast. „Wehenschmerz“
    wird das Publikum misverstehen als
    „schmerzlose Geburt“, was zuviel behauptet ist.
     

  • S.

    Das hätte man unterscheiden müßen udgl. Schau
    daß Du gesund wirst, publicire 40 Fälle
    u schenk’ ihm seine 4. Ich weiß nicht, ob ich
    Dich anstecken soll, ich bin so sehr ärgerlich.

    Mein eigenes Befinden ist nicht besonders
    schlecht aber fortgesetzt verstim̄end. Ein so
    unregelmäßiger Puls scheint doch Wohlbehagen
    auszuschließen, die motorische Insuffizienz war
    wieder Tage lang unerträglich. Ich möchte
    gerne Deinen Vorschlag annehmen; die
    Zeit ist offenbar jetzt nicht günstig dazu.
    Es ist übrigens auch bes. schlechte Praxs 
    u dan̄ bin ich meist in der Stim̄ung
    ganz unbrauchbar.

    2.4. Ich bin wirklich niederträchtig unbeküm̄ert
    diese Tage gewesen. Das Schreiben war
    mir schwer, Zeiten, in denen ich nicht
    genießbar bin, leichteste Andeutg eines
    wellenförmigen Stim̄ungswechsels. Jetzt bin

  • S.

    ich wieder beisam̄en auch herzkräftig, nur
    wild u durstig etwas vom Frühling zu
    genießen.– Es ist vielleicht gar nicht so
    wichtig, wie ich war u bin. Ich habe Dir
    aber sonst so wenig Ernstes zu
    berichten. Ein Paket aus einer Analyse,
    die ich jetzt mache, schicke ich Dir
    nächstens, weil es zu toll ist. Ich
    weiß aber nicht, ob man es ohne meine
    Commentare genießen kan̄, ob ich es
    nicht lieber auf eine gemeinsame Stunde
    lassen soll.

    Die Psychologie plagt mich sehr.

    Löwenfeld hat den ersten Angriff auf
    die Angstneurose in der Münchner
    med. W. verübt; ich habe ihn um
    einen S.Abdruck gebeten, damit ich
    antworten kann (im Paschkis). Natürlich
    die naheliegendsten Einwände.

  • S.

    Im allgemeinen fehlst Du mir sehr. Bin
    ich wirklich derselbe, der von Einfällen
    u Entwürfen überströmt, so lange
    Du erreichbar warst? Wenn ich mich
    abends an den Schreibtisch setze, weiß
    ich oft nicht, worüber arbeiten.

    Ihr, der Eckstein geht es gut, es ist
    ein sehr liebes, anständiges Mädel
    das keinem von uns beiden die
    Affaire übel nim̄t u Dich mit großer
    Achtung nennt.

    Leb mir recht wol, gib ausführliche
    Nachricht von Dir u rechte nicht
    mit mir für diesmal. Ein andermal
    überhäufe ich Dich ja wieder
    mit Briefen u Sendungen. Du
    bist, ich bin nicht gleichmäßig.

    Herzlich Dein Sigm
    Arbeit dankend und mit Stolz empfangen!

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    [Der letzte Satz ist an den linekne Rand geschreiben.]