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SF
IX. BERGGASSE 19.8.2.97
Theurer Wilhelm
Breuer, den sie den Guten nen̄en,
kan̄ keine Gelegenheit unbenützt
lassen, wo es das harmloseste Behagen
zu trüben gilt. Er hat mein Buch
bekom̄en u darauf meiner Frau
einen Besuch gemacht, um sieihrzu fragen,
wie sich wohl der Verleger zu dem
unvermutheten Umfang der Arbeit
gestellt hat. Der Verleger, für den er
besorgt ist, u Nothnagel haben mir
versichert, das mache nichts, dem
ganzen Werk sei ein glänzender
Absatz gesichert. Das Opus ist nämlich
wirklich größer geworden, als in
den Rahmen der Sam̄lung taugen
würde. Unter diesem Contrast
danke ich Dir aber besonders für
Deine freundschaftl Beurtheilung,
Dir, dem „Schroffen" u gäbe nur -
S.
noch der Verwunderg Ausdruck, daß
Du es in den kurzen Tagen überhpt
hast durchschauen können.Da ich der „Niemand" in Wien bin,
der Deine Reihen glaubt, weißt
Du wol. Schwager Oscar trifft sehr
komische Compromiße zwischen den
Ansprüchen, welche seine Verwandtschaft
u sein Verkehr an ihn stellen. Es
wird zu gleichen Theilen bewundere
u abgelehnt, denn die zu Gericht
sitzende Behörde in seinem
Intellekt ist merkwürdig – unparteiisch.
So schwärmt er jetzt für meine
Zuthat der periodischen Geistesent-
wicklg in 23 Reihen. Die Wahrheit ist,
daß jch die nie ernst gemeinten
Versuche, auf Deiner Flöte zu
fingern längst aufgegeben habe
ich will mir lieber zu Ostern
ein Concert von Dir vortragen
lassen. -
S.
Josefine Lieben mit der Dys-apnoe
(?!?) ist nicht meine Patientin. Wenn
Du Anna v. L. . ken̄test, würdest
Du keinen Moment zweifeln, daß nur
dieses Weib meine Lehrmeisterin
gewesen sein kann. Es ist wahrscheinlich
eine Schwägerin von ihr, die Du
gesehen hast.Eine Nachricht von letzthin muß ich
corrigiren. Als ich unlängst bei Nothnagel
war, ihm ein Dankexemplar zu
überreichen, theilte er mir spontan
u als vorläufiges Geheimniß mit,
daß er u Krafft-Ebing mich (neben
Franckl-Hochwart) zum Professor
vorschlagen würden, u zeigte mir
das mit ihren Unterschriften
versehene Schriftstück. Er fügte hinzu,
daß sie beide den Vorschlag allein
an's Ministerium leiten würden,
wenn das Collegium sich ihnen
nicht anschließen sollte. Als verständiger -
S.
Mensch fügte er hinzu: Sie kennen
die weiteren Schwierigkeiten. Es
ist vielleicht nur damit erreicht, daß
Sie aufs Tapet gebracht sind.– Wir
wissen Alle, welche geringe Wahrschein-
lichkeit es hat, daß der Minister
dem Vorschlag Folge leistet.Vielleicht ist der Vorschlag in der
gestrigen Sitzung vorgebracht worden.
Das Erfreuliche für mich ist daran,
daß ich die beiden Männer
weiterhin für anständige Leute
halten kann, den̄ im Ernst, wen̄
sie mich übergangen hätten, wäre
es mir schwer gefallen, gut von
ihnen zu denken. –
Ich habe eine Woche lang nicht
geschrieben, weil die Arbeit
(11 1/2 - 12 1/2 St täglich) meine Kräfte
dan̄ doch erschöpft hat. Abends
fiel ich um wie vom Holzhacken -
S.
Meine Vermuthungen betreffs dieser
Saison haben sich bestätigt.
Ich habe 10 Curen jetzt, darunter
eine Kranke aus Pest; eine
andere aus Breslau ist angekündigt.
Vielleicht eine St. davon ist vom
Übermaß, sonst geht es mir ja
gerade bei vieler Arbeit am besten.
Ich habe zB. eine Woche von fl 700
hinter mir, das bekom̄t man nicht
umsonst. Reichwerden muß sehr
schwer sein.Der Fortschritt der Arbeit ist ein
glänzender, aber Rätsel u Zweifel
sind natürlich noch die schwere
Menge vorhanden. Nicht alles
will ich vor dem Congreß Dir
mittheilen. Vielleicht ist bis dahin
ein Fall ganz fertig gestellt.
Ehe das nicht erreicht ist, giebt es
ja auch keine Sicherheit. -
S.
11/2 Heiße Arbeit u zwei arg betonte
Tage – eine Seltenheit jetzt –
haben mich aufgehalten. Ich
wollte Dich mit Bezug auf
das Kothfressen chyr ecl. Thiere
noch fragen, wann der Ekel
bei kleinen Kindern auftritt
u ob es eine ekelfreie Periode
des jüngsten Alters giebt. Warum
ich nicht in die Kinderstube
gehe u bei Annerl Versuche
mache? Weil ich bei 12 1/2 Arbeits-
stunden keine Zeit dazu
habe u die Weiblichkeit
meine Forschgen nicht unterstützt.
Die Beantwortg wäre theoretisch
interessant. Übrigens ist mir
die Theorie jetzt sehr ferne
gerückt. Ich schiebe alle Versuche
auf, Verständnis zu gewinnen.
Selbst die Zeitverhältniße sind -
S.
mir unsicher geworden.
Der Somnambul ist so wie wir
in Dresden vermuthet haben,
richtig erkannt. Letztes Ergebniß
die Auflösg des hys Starrkrampfes:
Imitation des Todes mit Todtenstarre,
also Identificirg mit einem Todten.
Wenn sie den Todten gesehen hat,
dan̄ verglaste Augen u offener
Mund, wen̄ nicht, dan̄ ruhiges
friedliches Daliegen.Hyst- Frostschauer = aus dem warmen
Bett genom̄en werden. Hyst Kopf-
schmerz mit Druck auf Scheitel, Schläfen
etc ist das Zugehör zu den Scenen,
wo zum Zweck von Aktionen
im Mund der Kopf fixirt wird
(späteres Sträuben beim Photographen,
der Kopf einklem̄t).Leider ist mein eigener Vater
einer von den Perversen -
S.
gewesen u hat die Hy meines
Bruders (dessen Zustände sämtlich
Identificrg sind) u einiger jüngerer
Schwestern verschuldet. Die
Häufigkeit dieses Verhältnisses
macht mich oft bedenklich.Für Prag bringe ich jedenfalls
viel seltsames Material
mit.Sei mir herzlich gegrüßt
samt Weib u Kind. Den
Meinigen geht es vortrefflich
Dein Sigm
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Österreich
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