• S.

    Wien 12. 6. 95.

    Mein teurer Wilhelm

    Unter Anderem liebe ich Dich auch
    wegen Deiner Gutmüthigkeit. Ich wollte
    anfangs glauben, daß Du wegen meiner
    Äußerungen über den Mechanism der Nasenfern-
    leiden den Verkehr mit mir abgebrochen
    hast, u fand dieß nicht unwahrscheinlich
    Nun überraschest Du mich mit einer ernst-
    gemeinten Discussion jener Phantasien!

    Zum Lohne will ich Dich auf etwas Greifbareres
    aufmerksam machen. Ich habe eine Frau Dr. Steger 
    mit einseitigem Gesichtskrampf hier gesehen u
    behandelt, bei der ich durch den ziemlich simpeln
    Dr. Hajek beinahe den Nachweis erreicht
    habe, daß der Tic nur von einer Stelle
    der Nasenschleimhaut, vom Eingang in die Highmon-
    höhle auszulösen u aufzuheben ist. Du hättest
    die Frau gewiß geheilt. Vielleicht gelingt
    es mir, Dir diese intelligente u angenehme
    Kranke zu schicken. Der Man̄ ken̄t Dich durch
    den Pianisten Rosenthal. Sonst Du erin̄erst Dich
    wol der eigenen Vermuthg, daß die Eingangs-
     

  • S.

    stellen in die Nebenhöhlen besondere Dignitat
    haben. Die Frau ist ein Fall von abgelaufenen
    sehr intensiven Kopfschmerzen, leidet seit jeher
    an den ärgsten Menstrualbeschwerden. Die
    Mutter hat diffusen Gesichtstic (den ich gern
    von Reizgszuständen durch aden. Wucherg ableiten
    möchte)

    Sonst habe ich mit meinen Versuchen, Dir Leute
    nach Berlin zu schicken, ja keinen Erfolg gehabt.
    Die Benvenisti, die ich gewiß dazu bewogen
    hätte, ist so Kopfschmerzfrei, daß kein
    Motiv vorliegt. Sie hat mir übrigens gestanden
    daß ihr Kopfschmerz ein neurasthenischer war.
    Ich bin doch eine Art von Midas, kein Goldmidas
    allerdings.

    Du hast recht zu vermuthen, daß ich übervoll
    mit Neuigkeiten bin, auch mit theoretischen.
    Die Abwehr hat einen wichtigen Schritt nach
    vorwärts gemacht, von dem ich Dir nächstens
    in einer kleinen Aufschreibg Rechenschaft
    geben werde. Aber auch die psychologische
    Construktion tut, als ob sie gelingen
    wollte, was mir eine riesige Freude
    wäre. Natürlich noch nichts Sicheres zu

  • S.

    sagen. Darüber jetzt Mitteilg machen, hieße
    einen 6 monatl. Foetus von einem Mädchen
    auf den Ball schicken.

    An Gesprächsthema wird es uns nicht fehlen. „Ihre
    Schlachten" heißt es im Don Carlos, „Und Ihr
    Gott", usw. Nun das Praktische: Wan̄ soll
    ich kom̄en? – Du mußt mir erstens den
    Aufenthalt verkürzen, zweitens mir die
    anatomische Gesundheit erlassen u nur funkt.
    Herstellg anstreben soweit Du es trennen
    kan̄st. Drittens will ich nicht, daß Deine
    Som̄ererholg dabei leidet. Vielleicht kom̄e ich
    nachher im September, schreibe mir bald
    darüber, es hängt noch Anderes daran.
    Es geht mir I-Ila. Ich brauche viel Cocain.
    Auch das Rauchen habe ich seit 2-3 Wochen,
    seitdem mir die nasale Überzeugg evident
    geworden ist, wieder in bescheidenem
    Maß aufgenom̄en. Ich habe keinen Nachtheil
    davon gesehen. Wen̄ Du es mir wieder
    verbietest, muß ich es wieder lassen. Allein
    denke, ob Du es thun kan̄st, wen̄ es blos
    Intoleranz u nicht Aetiologie ist.

  • S.

    Ich habe es wieder begon̄en, weil es mir
    im̄er gefehlt hat (nach 14monatl Abstinenz)
    u weil ich den psychischen Kerl gut behandeln
    muß, sonst arbeitet er mir nichts. Ich verlange
    sehr viel von ihm. Die Plage ist meist über-
    menschlich.

    Herzlichst Gruß von uns Allen,
    denen es sehr gut geht an Dich u
    Deine liebe Frau

    Dein Sigm