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S.
Reichenau 20.8.93
Geliebter Freund
Gegen einen Anderen würde ich mich
erstens der Absage geniren, nachdem
ich so bestim̄t zu kom̄en zugesagt, zweitens
andere Gründe angeben, als ich Dir
in aller Offenheit mittheilen werde.Also folgendes Stückchen Hauspsychologie.
Ich habe den 18 u 19tenm auf einer complicirten
Tour um und auf der Rax verbracht
mit meinem Freunde Rie u saß gestern
in froher Stim̄ung im neuen Schutz-
haus auf dem Berg, als plötzlich jemand
ins Zim̄er trat, hochgerötet von der
Hitze des Tages, den ich anfangs wie
eine Erscheinung anstarrte und dan̄
als meine eigene Frau agnosciren
mußte. Martha hatte imm̄er behauptet,
daß ihr das Steigen unmöglich sei
u der Aufenthalt auf dem Berge
kein Vergnügen mache. Jetzt war -
S.
sie mir nachgekom̄en, hatte die Anstreng-
ung vortrefflich ertragen und war
entzückt über Aussicht und Aufenthalt
Sie äußerte den Wunsch einige Tage
oben, wo manvorzüglich aufgehoben
ist, mit mir zu verbringen und
ich fühlte die Verpflichtung ihr
diesen Genuß zu ermöglichen, der
ihr sozusagen ohne Entfernung vom
Hause zugänglich ist, da man oben
telephonische Verbindung mit Reichenau
hat u bequem in 2½ Stunden herunter-
kom̄en kann. Sie hatte sich auf die
Reise nach Csorba so sehr gefreut
die häuslichen Ereigniße hatten
ihr gezeigt, wie schwer eine
Verlassen der Kinder durchzuführen
ist, und seit 6 Jahren, seitdem
Kind auf Kind gefolgt ist, hat sich
recht wenig Abwechslung u Erholung
in ihre Lebensweise einfügen
lassen. Ich glaube nicht, daß ich ihr -
S.
diesen Wunsch versagen kann. Du kan̄st Dir
denken, was dahinter steckt: Die
Dankbarkeit, das Wiederaufleben der
Frau, die zunächst ein Jahr kein Kind zu
erwarten hat, da wir jetzt in Abstinenz
leben, u Du weißt auch dafür den
Grund. Dieser Plan verträgt sich nun
gar nicht mit meiner Absicht Dich in
Csorba zu besuchen, der Monat hat nur
noch 11 Tage, von denen 1 auf Wien
5 auf meine Reise entfallen würden.
Obwol sie mir niemals einen Genuß
stört, am wenigsten ein Beisam̄en sein
mit Dir stören wollte, hat sie doch
die Bemerkung gemacht, daß ich nur
auf Csorba zu verzichten brauche, nicht
auf Dich, da ich Dich 10 Tage später
soviel näher in der Brühl haben
kan̄ u daß zwei 10 stündige Reisen in
der Hitze auch für mich keine Er-
holung bedeuten. Dazu kom̄en
2 Momente, von denen sie nicht weiß:
die Nöthigung, in diesen erwerbslosen -
S.
Monaten nicht mehr viel auszugeben und
die Wahrnehmung, daß mein Kopf
die Obsessionen medizinischer Gedanken-
gänge sicher noch nicht losgeworden
ist., daß ihm eine Fortsetzg der jetzigen
Lebensweise noch eine Weile wol
täte.Ich kom̄e also nicht nach Csorba
Du wirst mich nach den vorstehenden
Dir gewiß echt scheinenden Erörter-
ungen entschuldigen. Nun aber
zum zweiten Punkt. Ich will Dich
natürlich sehen u einen ganzen
Tag mit Dir plaudern u arbeiten
u will, daß Du einen Dir
beliebigen Tag im Sept, in Reichenau
Brühl oder Wien dazu bestim̄st.
Ich bin heuer schon einmal zu
Dir gereist – freilich kein Opfer,
sondern ein treat –, möchte es
also diesmal bequemer haben
u rechne auf Deine gütige Nach- -
S.
sicht für die nun erforderliche Verab-
redung. Nach der Brühl (Hajek)
kan̄ ich mit meiner Frau kom̄en,
wen̄ Dein Versprechen uns in
Reichenau zu besuchen Dir nicht
leicht wird. Also sei gut u mache
es uns möglich. Ich wollt' nicht
darauf verzichtet haben.Übrigens verfolgt mich die Aetiologie
der Neurosen wie das Marlborough-
lied den reisenden Briten überall
hin. Unlängst wurde ich von der -
S.
DOCENT DR. S. FREUD
IX., Berggasse 19.
Ord. 5-7 UhrWirtstochter auf der Rax consultirt,
es war ein schöner Fall für mich.– Der schönste Plan wäre, wen̄ Du
mit Ida 1-2 Tage mit uns auf der
Rax zubringen wolltest. Es ist dort
höher als in Csorba, 1 700 m (Thörlhaus)
u man ist vorzüglich verpflegt.Mit herzlichsten Grüßen an Euch
beide u Wünschen für Dein
Wohlbefinden
Dein
Sigm Freud
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Reichenau 2651
Österreich
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Štrba 05938
Slowakei
C26F3