• S.

    Wien, 12. 7. 92

    Liebster Freund

    Gestern nachmittags, als ich noch müde
    von der sonntägigen Bergpartie
    überdachte, wie man über den
    Abend ohne Bewegung (aktive
    wenigstens) wegkom̄en könnte,
    lud mich Dein liebenswürdiger
    Papa ein, mit ihm die Brühl
    zu fahren. Daß ich gerne annahm,
    bedarf keiner Versicherung. Es
    war wieder sehr herzlich draußen
    ich muß sagen, Du imponiest mir
    erst jetzt völlig nach dieser
    Wahl. Sie ist so ein „fröhlicher
    Held" als Weib – aber das sind
    ja Redensarten die Du nicht
    von mir verlangst.

     

     

     

  • S.

    [2]

    Ich werde jetzt öfter Gelegenheit haben,
    an dem glücklichen Haus vorüber-
    zufahren; da meine Primadonna
    eben in die Brühl übersiedelt
    ist. Gewiß, daß ich jedesmal
    hineinschauen werde, es wird
    einem zu wohl dabei.

    Unsere gestrigen Besprechungen
    decken dasselbe Gebiet wie
    Dein heutiger Brief. Ich bin im
    August in Reichenau nur 1 1/2
    Stunden an derselben Bahnstrecke
    von Dir. Ich habe gestern mit
    Erfolg angesucht, daß Ihr wenigstens
    einen Tag in Reichenau ver-
    bringen sollt. Meiner Frau
    wegen, die Deine Ida sonst
    nicht kennen lernt u jedesmal
    davon spricht.

    Auf die Mittheilung Deines
    Nasenbuches freue ich mich

     

     

  • S.

    [3]

    natürlich sehr. Ich habe die Idee
    angeregt, als ich meinte, daß Du
    einer starken Ablenkung bedürftig
    sein würdest. Jetzt bin ich nicht sehr
    glücklich, Dir in der bewegtesten
    Zeit zu einer neuen Pflicht
    verholfen zu haben, aber es ist
    bereits geschehen.

    Meine Hysterie hat sich unter Breuer's
    Händen verwandelt, verbreitert
    eingeschränkt, dabei zum Theil ver-
    flüchtigt. Wir schreiben das
    Ding zusam̄en, jeder für sich mehrere
    Abschnitte, die er signirt, aber doch
    in vollstem Einvernehmen.
    Man kan̄ noch gar nicht sagen,
    was dabei herauskom̄en wird.
    Unterdeß benütze ich eine gehirn-
    stumpfe Zeit Psychologie zu lesen.

     

     

  • S.

    [4]

    Die letzte Woche brachte mir einen
    seltenen menschlichen Genuß, die
    Gelegenheit, aus Meynert's Bibliothek
    passendes für mich heraus zu suchen,
    etwa wie wen̄ ein Wilder aus
    dem Schädel des Feindes Meth
    trinkt.

    Meine Anfrage in Betreff des Hochzeits-
    beitrages möchte ich nicht unter-
    lassen haben, nachdem sie Deine
    warmen Worte provozirt hat.
    Erledigt ist die Sache damit
    nicht, wie Du begreiflich finden
    wirst. Du raubst uns ein
    Vergnügen, wen̄ Du darauf bestehst.

    Nun leb wohl u bring den
    Juli zu einem raschen
    Ende.

    Mit herzl. Gruß
    Dein
    SigmFreud