• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    15. 3. 98
    Theurer Wilhelm

    Habe ich Conrad Ferdinand je unter-
    schätzt, so bin ich seit dem Him̄els-
    thor durch Dich längst bekehrt.

    Ich bitte Dich um die Abtretung jener
    Stelle für die spätere Hysterie.
    Auch die Bisexualität unterschätze ich
    keineswegs, ich erwarte alle weitere
    Erleuchtung von ihr, speciell seit jenem
    Moment am Breslauer Markt,
    da wir uns in einer Rede trafen.
    Ich bin nur jetzt ferne von ihr, weil ich
    in einem dunkeln Schacht vergraben
    nichts anderes sehe. Meine Arbeitsfrische
    scheint eine Funktion der Entfernung
    von unseren Congreßen. Um diese
    Zeit bin ich einfach blöde, ich schlafe
    beiden Nachmittagsanalysen; – es fällt

  • S.

    mir absolut nichts mehr ein. Ichglaube
    wirklich, meine Lebensweise, die
    8 Stunden Analyse 8 Monate im Jahre 
    verwüsten mich. Leider hält mein leichter
    Sinn, der mir Erholung von Zeit zu
    Zeit rathen würde, vor dem schlechten
    Ertrag dieser Zeiten u den Aussichten
    auf noch schlechtere nicht stand. Ich
    arbeite also weiter wie ein
    Comfortableroß, sagt man bei uns.
    Ich bin auf die Idee gekom̄en, Du
    wolltest die Traumarbeit lesen
    und seiest zu discret, sie zu verlangen.
    Bedarf keiner Erörterung, daß ich sie
    Dir vor dem Druck geschickt hätte.
    Da sie aber jetzt wieder stille hält,
    kann ich sie Dir wirklich auch in
    Bruchstücken schicken. Dazu dann
    einige Erläuterungen. Es ist ein zweites
    Kapitel. Das erste über Literatur
    ist noch nicht geschrieben. Es folgen

  • S.

    3). Traummaterial 
    4) Typische Tr
    5). Psychischer Vorgang im Tr
    6). Tr u Neurosen.

    Die hier angeführten 2 Tr werden in späteren
    Abschnitten wiederkehren, ihre noch
    unvollständige Deutg dort zu Ende
    geführt werden. Die freimüthigen Be-
    merkungen im Professurtraum wirst
    Du hoffentlich nicht beanständen. Die
    Philister hier werden froh sein,
    sagen zu können, daß ich mich dadurch
    unmöglich gemacht habe. Was Dich etwa
    an dem Tr frappirt, wird später
    seine Aufklärg finden (mein Ehrgeiz).
    Bemerkgen über König Oedipus 
    das Talismanmärchen, vielleicht den
    Hamlet werden ihre Stelle finden.
    Vorher muß ich über die Oedipussage
    nachlesen, weiß noch nicht, wo.

  • S.

    Mein Bedenken Dich in einer arbeits-
    unlustigen Zeit zu beschweren, bekämpfe
    ich mit der Erwägg, daß das Ding
    bei seinem minimalen speculativen
    Inhalt Dich wahrscheinlich nur harmlos
    amüsieren wird.

    In Hy bin ich jetzt völlig desorientirt.
    Ich möchte natürlich sehr gerne wissen,
    ob Eure Terminhoffnungen sich erfüllt
    haben u ob unsere Ostererwartgen
    unverändert festzuhalten sind.
    Von Aufgeben ist lange keine
    Rede.
    Mit herzlichst Gruß 
    Dein Sigm.