• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    27. 4. 98
    Theurer Wilhelm

    Ich war so ungeschickt warten zu wollen, 
    bis die Sache mit Paschkis erledigt
    ist. Sie ist es jetzt dadurch daß ich
    meine Beziehungen zur kl. Rundschau
    gelöst und meinen Namen von
    der Liste der Mitwirker auf ihrem
    Titel zurückgezogen habe. 
    Es war
    Absicht, daß ich Dir die fragliche
    Kritik nicht geschickt habe. Ich glaube,
    wir können die Geschichte jetzt fallen
    laßen.

    Dein Sirenenlied scheitert an meinen
    verstopften Ohren u gebundenen
    Händen. Ich hab so schlechte Erwerbs-
    zeiten, daß ich keinen Tag außer
    den Festtagen wegbleiben darf.
    Ich kom̄e mir selbst komisch vor
    in solcher Pflichttreue u Sparsamkeit.
    Es dürften Anzeichen des Alters
    sein.

     

  • S.

    Zu Pfingsten müßen wir uns aber
    sehen. Die Osterreise, die nur mit
    den halben Mitteln zur Erholung
    arbeiten konnte, ist in ihrer er-
    frischenden Wirkg rasch verflogen.
    Ich befinde mich sehr wol, bin
    aber wie blöde u stehe vor einem
    Stück der Arbeit, auf das ich
    mich sehr gefreut, jetzt wie vor
    einer Mauer. Soll ich Dir
    den fertigen Abschnittüber das
    Tr Material schicken? Er
    ist weit weniger definitiv zu
    nehmen als der erste.

    In Hy habe ich Dir einiges mitzu-
    theilen, was Klärung u Bestätigg
    meiner Vermuthg bedeutet,
    daß ich die Aetiologie anfänglich
    zu scharf genom̄en; der Antheil
    der Phantasie daran ist größer 
    als ich anfangs gedacht.

    Meine Mutter ist heute zurück-
    gekom̄en, ich habe sie noch

  • S.

    nicht gesehen, nur gehört, daß Du Dich
    der armen Mizi annehmen wirst 
    was sehr schön von Dir ist. Ich habe
    es ihr nie gerathen, weil sie mich
    nie darnach gefragt hat. Keiner
    von uns hat ein Verhältniß 
    zu ihr, sie war im̄er isolirt u hat
    ein sonderbares Wesen, das in
    reiferen Jahren in patholog Sparsam-
    keit ausgeht, während wir alle
    Verschwender sind. Die 3 Mädchen
    sind hysterisch, am schwersten die
    recht begabte Kleine. Ob auch hier
    der Vater unschuldig ist, möchte ich
    bezweifeln, er ist ein Halbasiate – 
    Phantasielügner, obwol sonst gut-
    müthig gegen die Seinen. Die
    Übersiedlg der Familie nach
    Berlin war für uns alle (Mutter
    natürlich ausgenom̄en) eine
    große Erleichterung.

  • S.

    Dem heutigen Geburtstagskinde
    schicken wir alle die herzlichsten
    Glückwünsche und nehmen an,
    daß dieser Termin mit ihrer
    Genesung zusam̄enfällt.
    Dießmal wird WR wol schon
    mündlich gratuliren.
    Mit herzlichstem Gruß 
    Dein Sigm