• S.

    Wien 29.8.88

    Verehrter Freund

    Ich habe lange geschwiegen, aber
    meine endliche Antwort fällt sehr
    effektvoll aus: Buch, Abhandlung
    und Photographie; Sie können nicht
    mehr Begleitung eines Briefes er-
    warten. Ihr Schreiben enthielt Vieles,
    was mich für lange Zeit zum
    Nachdenken angeregt hat. und
    worüber ich gerne mit Ihnen
    gesprochen hätte. Ich habe Ihnen
    rückhaltlos Recht gegeben und
    kan̄ doch nicht thun, wie Sie
    fordern: Arzt sein anstatt Specialist,
    mit allen Untersuchungsmitteln
    arbeiten und sich des Kranken ganz
    bemächtigen, das ist gewiß die einzige

  • S.

    Methode, die eigene Befriedigung
    und materielle Erfolge verspricht,
    aber für mich ist es damit vorbei.
    Ich habe nicht genug gelernt um
    Mediziner zu sein, in meiner mediz
    Entwicklung giebt es einen Riß,
    der später mühsam geknüpft worden
    ist. Ich kon̄te gerade noch so viel
    lernen, daß ich Neuropatholog
    wurde. Und Jetzt fehlt mir allerdmgs
    nicht die Jugend, aber die Zeit u
    Unabhängigkeit, um nachzuholen.
    In diesem Winter war ich recht
    beschäftigt, da kon̄te ich mit
    meiner sehr großen Familie gerade
    davon leben und behielt
    keine Zeit übrig, etwas zu lernen.
    Der Som̄er war recht schlecht, ließ
    mir Zeit genug, aber brachte

  • S.

    auch Sorgen, die mir die Stim̄ung
    raubten. Außerdem stört mich beim
    Lernen die Forschergewohnheit, der
    ich ziemlich viel geopfert habe, die
    Unzufriedenheit mit dem, was dem
    Lernenden geboten wird, die Nötig-
    ung, ins Detail zu gehen u Kritik
    zu üben. Die ganze Atmosphäre
    Wien's ist auch wenig dazu angethan
    einen Willen oder zw zu stählen öder
    jene Zuversicht des Erfolges auf-
    kom̄en zu laßen, die Euch Berlinern
    eigen ist und ohne welche ein er-
    wachsener Mensch nicht daran
    denken darf, die Basis seiner
    Existenz zu verändern. So muß
    ich wol bleiben, was ich bin; nur
    daß ich mich nicht über die Unzu-
    länglichkeit des Zustandes täusche.

  • S.

    Von den Sendungen rechtfertigt sich
    die Photographie durch eine Er-
    nnerung an Ihren in Wien ausge-
    sprochenen Wunsch, dem ich damals
    nicht nachkom̄en konnte. Was es
    mit der Suggestion für Bewandtnis
    hat, wissen Sie. Ich habe die
    Arbeit sehr ungern unternom̄en,
    nur um bei einer Sache, welche
    in den nächsten Jahren gewiß die
    Praxis der Nervenärzte tief beein-
    flußen wird, eine Hand im Spiele
    zu behalten. Ich thile Bernheim's
    Ansichten, die mir einseitig
    scheinen, nicht, und habe in der
    Vorrede den Standpunkt
    Charcot's in Schutz zu nehmen
    versucht. Mit welcher Geschicklich-
    keit, weiß ich nicht; aber ich

  • S.

    weiß bestim̄t, mit schlechtem Erfolg.
    Die suggestive, dh: iatrosuggestive
    Theorie Bernheim's hat einen
    Common-place-Zauber für die
    deutschen Ärzte, welche keinen
    großen Sprung zu machen brauchen,
    um aus der Simulationstheorie
    bei der sie jetzt stehen, in die
    Suggestionstheorie,  über hinein zu
    kom̄en. In der Kritik Meynert's
    der sich hier in seiner gewohnten
    frech-boshaften Manier autoritativ
    über ein Thema hat hören lassen
    von dem er nichts weiß, mußte ich
    mich gemäßigt halten, weil die
    Stim̄ung aller meiner Freunde
    es verlangt hat. Was ich geschrieben,
    erscheint ihnen auch so als Wagnis.
    Ich habe der Katze die Schelle
    angehängt.

  • S.

    Jetzt geht es endlich an die Voll-
    ¿ endung der hysterischen u
    organischen Lähmungen, die mir
    ziemlich behagen. Meine Beteilig-
    ung an Villaret ist minder
    ausgiebig geworden, als zu erwarten
    war. Der Artikel Gehirnanatomie
    ist sehr zusammengestrichen worden,
    viele andere schlechte Nervenartikel
    sind nicht von mir! Der wissenschaft-
    liche Wert des Ganzen ist kein
    sehr hoher.

    Die Gehirnanatomie keimt noch
    immer wie zur Zeit Ihrer Anregung.
    Das ist meine wissenschaftliche
    Thätigkeit. Im Übrigen Gutes.

    Ich habe Weib u Kind seit

  • S.

    Anfang Juli in Maria-Schutz
    am Sem̄ering, wo ich jetzt auch
    eine Woche zu verbringen gedenke.
    Die Kleine gedeiht vortrefflich.

    Daß Sie einen Assistenten
    haben, hat mich herzlich gefreut.
    Vermuthlich trifft Sie dieser
    Brief auch nicht in Berlin. Arbeiten
    Sie nicht zuviel, möchte ich Ihnen
    jeden Tg sagen lassen.

    Leben Sie recht wol u
    gedenken sie freundschaftlich
    Ihres aufrichtig ergebenen
    Dr Sigm Freud