• S.

    Wien 3 Dez 97

    Theurer Wilhelm

    Gestern abends war Deine liebe
    Frau strahlend wie immer
    bei uns und hat uns die kurze
    Illusion eines erfreulichen Zusam̄en-
    lebens gebracht u mit ihrem Ver-
    schwinden wieder mitgenom̄en.
    Solche Unterbrechungen der Einsamkeit
    wirken wolthätig, indem sie mahnen,
    wie schwer der Verzicht eigentlich
    fällt u wie unrecht man thut, sich
    an ihn zu gewöhnen. –

    5 Dez. Ein kritischer Tag hat mich gehindert
    fortzufahren. Zu Ehren des lieben
    Besuches war mir ein Stück Auf-
    klärg eingefallen, dessen Über-
    bringerin Deine Frau werden
    sollte. Wahrscheinlich war es aber
    kein Tag hervorragender Art,
    das Neue, das mir in der Euphorie
    eingefallen war, zog sich wieder
    zurück, gefiel mir nicht mehr u

  • S.

    wartet jetzt auf seine Wiederge-
    burt. Mitunter schwirren mir
    so Gedanken durch den Kopf, die
    alles zu verwirklichen versprechen,
    das Normale u das Pathologische,
    das sex. u das psychol Problem
    zu verbinden scheinen. Dan̄ sind sie
    wieder weg, u ich bin bemühe
    mich nicht sie festzuhalten, weil
    ich doch weiß, ihr Vergehen wie
    ihr Erscheinen im Bewußtsein
    ist nicht der wirkliche Ausdruck
    ihrer Schicksale. An solchen stillen
    Tagen aber wie gestern u heute
    ist es sehr still in mir, furchtbar
    einsam. Ich kan̄ mit Niemandem
    darüber reden, auch nicht wie
    ein anderer Arbeiter mich
    absichtlich u willkürlich beschäftigen. 
    Ich muß warten, bis es sich in
    mir rührt u ich davon erfahre.
    So träume ich mich oft über Tage
    weg. – Dieß alles ist nur

  • S.

    Einleitung zu unserem Zusam̄entreffen 
    – in Breslau, wie Ida vorgeschlagen
    hat, wen̄ die Zugsverbindungen Dir
    – taugen Daß mir die Ereigniße in
    Prag Recht gegeben haben, weißt
    Du ja. Als wir uns das letzte Mal
    für Prag entschieden, spielten
    Träume eine große Rolle. Du wolltest
    nicht nach Prag kommen, weißt auch
    noch warum u ich träumte gleichzeitig:
    daß ich in Rom bin, in den Straßen
    spazierengehe u mich über die große
    Zahl von deutschen Straßen- u Geschäfts-
    tafeln wundere. Ich erwachte u dachte
    sogleich daran, das war also Prag.
    (wo bekan̄tlich solche deutsche Tafeln
    ein Desiderat sind). Somit hatte
    der Tr meinen Wunsch erfüllt 
    Dich lieber in Rom als in Prag zu
    treffen. Meine Romsehnsucht ist 
    übrigens tief neurotisch. Sie knüpft
    an die Gymnasialschwärmerei
    für den semitischen Heros Hannibal
    an, u ich bin wirklich heuer so wenig

  • S.

    wie er vom Trasimener See nach Rom
    gekom̄en. Seitdem ich das Unbew studire 
    bin ich mir selbst so interessant
    geworden. Schade, daß man sich für's
    Intimste im̄er den Mund verschließt.
    „Das Beste, was Dur weißt,
    Darfst Du den Buben doch nicht sagen."

    Breslau spielt rauch eine Rolle in meinen
    Kindheitserin̄ergen. Im Alter von 3 J.
    habe ich den Bahnhof dort passirt
    auf der Übersiedlung von Freiberg
    nach Leipzig u die GasFlam̄en, die ich
    zum ersten Mal sah, haben mich an
    bren̄ende Geister in der Hölle
    gemahnt. Ich weiß ein wenig den
    Zusam̄enhang. Meine überwundene
    Reiseangst hängt auch daran.
    Heute bin ich zu nichts zu brauchen.
    Ich kan̄ überhaupt nur noch "Feilen
    packen", wie es der selige Dubois-
    Reymond ausgedrückt hat.

    Leb recht wol u laß bald
    auf den meschuggenen Brief eine
    vernünftige Antwort hören.
    Dein Sigm

    Ist es richtig, daß Robert nicht wol war?