• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    27.X.97
    Theurer Wilhelm

    Es scheint, daß ich Deine Antwort nicht
    „auswarten" kann. Du hast für Dein
    Stillschweigen sicherlich nicht die Erklärg 
    daß es Dich mit elementarer Gewalt
    in die Zeiten zurückwirbelt, in denen Lesen
    u Schreiben Dir eine lästige Aufgabe 
    war, wie es mir am Sonntag ging, als
    ich Deinen noch nicht 40sten Geburtstag
    durch einen Brief feiern wollte, –
    aber hoffentlich eine ebenso harmlose.
    Von mir berichte ich Dir nichts als Analyse,
    die mein' ich auch für Dich das Interes-
    santeste an mir sein wird: Das Geschäft
    ist trostlos schlecht, übrigens allgemein so
    bis hinauf zu den Spitzen der Profession 
    u so lebe ich nur der „inneren" Arbeit 
    Es packt u zerrt mich durch alle Zeiten
    in rascher Gedankenverbindg, die
    Stim̄ungen wechseln wie die Landschaften
    vor dem Eisenbahnfahrenden und wie
    der große Dichter es ausdrückt, in

  • S.

    seinem Vorrecht der Veredlung (Sublimirg
    „Und manche liebe Schatten steigen auf;
    Gleich einer alten, halbverklungnen Sage,
    Kom̄t erste Lieb' u Freundschaft mit herauf."
    Auch erster Schreck und Hader.Manches
    traurige Lebensgeheimniß geht hier
    auf seine ersten Wurzeln, mancher
    Stolz u Vorzug wird seiner bescheidenen
    Herkunft inne. Alles, was ich als Dritter
    bei den Patienten miterlebt, finde
    ich hier wieder, die Tage, an denen
    ich gedrückt herumschleiche, weil ich
    nichts vom Traum, von der Phantasie 
    von der Stim̄g des Tages verstanden 
    u dann wieder die Tage, an denen
    ein Blitz den Zusam̄enhang erhellt
    u das Vorige als Vorbereitung
    des Heutigen verstehen läßt. In
    der Determinierung ahnen mir große
    allgemeine Rahmenmotive, möchte
    ich sie nen̄en u andere Füllmotive,
    die nach den Erlebnißen des Einzelnen
    wechseln. Gleichzeitig lösen sich manche,

  • S.

    wen̄ auch noch nicht alle Zweifel über
    die Auffassung der Neurose. Ich habe
    meine sämtlichen ziemlich verfahrenen
    Fälle durch einen Gedanken über
    den Widerstand saniren können, so
    daß sie jetzt erfreulich weiter gehen.
    Der W, der endlich das Arbeiten versagt,
    ist nichts anderes als der damalige
    Character des Kindes, der degenerative
    Character, der sich infolge jener Erleb-
    niße entwickelt hat oder hätte, die
    man in den sog. degener. Fällen als bewusst 
    vorfindet, der hier aber durch die
    Verdränggsentwicklg überlagert wird.
    Durch die Arbeit grabe ich ihn aus 
    er sträubt sich, der erst so brave edle
    Mensch wird gemein, verlogen oder
    trotzig, Simulant, bis ich's ihm sage u 
    so den Character überwindbar mache.
    So ist mir der Widerstand sachlich
    greifbar geworden u ich wollte, ich
    hätte auch schon anstatt des Begriffes
    Verdrängg die dahinter verborgene
    Sache. 

  • S.

    Dieser Kindercharacter entwickelt sich
    in der Zeit der „Sehnsucht", nachdem
    das Kind den sex. Erlebnißen entzogen
    ist. Die Sehnsucht ist der Hauptcharacterzug
    der Hy, wie die aktuelle Anaesthesie
    (wenn auch nur facultativ) ihr Hauptsymptom.
    Während derselben Periode der Sehnsucht
    werden die Phantasien gemacht u (ob regel-
    mäßig?) die Masturbation gepflegt, die
    dann der Verdrängg ¿¿¿ weicht. Weicht sie
    nicht, so entsteht eben keine Hy; die
    Abfuhr der Sexualerregg hebt die Möglich-
    keit der Hy größtentheils auf. Von
    verschiedenen Zwbeweggen ist mir klar
    geworden, daß sie einen Ersatz der
    unterlassenen Mast.bewegg bedeuten.

    Genug für heute, Details ein andermal,
    bis ich von Dir Gutes u Neues gehört
    habe. Daß es nichts Schlechtes giebt,
    weiß ich z. Glück von Oscar u Mel, die
    vielleicht, während ich schreibe, schon etwas
    Neues erfahren haben, vielleicht
    noch nicht. Mit herzlichst Gruß an
    Dich, Frau u Kind
    Dein Sigm