• S.

    Wien, 21. X. 92.

    Liebster Freund

    Nur ein abgerißenes Blatt, wie
    wir es ausgemacht haben. Was
    einen vom Schreiben abhält, sind
    ja im̄er die Einleitungen.
    Damit Du mich nicht für un-
    loyal hältst, folgendes: Vor
    etwa 3 Wochen zu Herrn Grünholzblatt
    gerufen worden, wo ich Heitler
    fand als Hausarzt breit auf's
    Canapé gestreckt. Wieder die
    Schmerzen beim Gehen, Deine
    Diagnose discutirt; von Berlin
    scheint Pat. abgekom̄en. Heitler
    den Plattfuß bespöttelt, stellt
    Diagnose Neuritis. Wir lassen ihn
    die Füße zeigen, ich kan̄ wirk-
    lich nichts sehen, was einem
    Plattfuß gleichsieht, muß das
    Heitler, der sie aus eigener Er-
    fahrung zu ken̄en scheint, zugeben.

  • S.

    Indeß bin ich nicht eingerichtet Dir
    in einem Gebiet zu widersprechen
    wo ich mich nicht auskenne u
    Du Dich gewiß, ich kämpfe also
    löwenmüthig für Dich u setze
    wenigstens durch, daß er den
    Fuß Prof. Lorenz zeigt, damit
    der sagt, ob das potentia
    ein Pes planus ist. Vor dem
    Compromiß hatte ich verlangt
    daß er zu Dir nach Berlin geht,
    wie er doch anfänglich selbst
    verlangt. Seither habe ich, wie
    es schon in Wien geht, nichts
    von Man̄, Arzt und Fuß gehört.

    Nun trage ich Dir meine hinter-
    gründliche Meinung vor. Der
    Man̄ hat, wie Du weißt
    eine Wadendifferenz von
    3 cm, die Consistenz des Muskels
    ist verändert. Weiß nicht, ob solche
    Differenz dem Pes planus zu-
    kom̄t. Gleichviel. Bei P. pla

  • S.

    treten, soviel ich weiß die Schmerzen
    in der Fußwurzel auf, steigern
    sich allmälich, gehen nicht bald vorüber.
    Bei ihm anders: Er bekom̄t den
    Schmerz nur in der Wade, die
    wird ihm nach etwa 5 Minuten
    steif, er kan̄ nicht weiter, bleibt
    stehen, zieht den Fuß auf, schleudert
    ihn ein paar mal, und dan̄ kann er
    gleich wieder
    einige Minuten gut
    gehen. Das sieht doch aus ganz
    wie ischaemisches oder myositisches
    Muskelversagen, wie claudication
    intermittente, die ja auch bei
    Diabetes vorkom̄t. Ich würde also
    meinen, dem Man̄e ist nur
    zu helfen durch lange Ruhe
    und darauf, wenig Gehen, womit
    ihm natürlich nicht geholfen
    sein wird.

    Gegen eine Neuritis (Heitler) spricht
    doch die Abwesenheit jedes spontanen
    Schmerzes. Ich hoffe, der Mann

  • S.

    kom̄t doch zu Dir u  Du kan̄st

    die interess Frage lösen.

    Sonst heute wenig. Samstag abends
    habe ich Colleg, „jour neuropathologique"
    dem zu meinem Unglück auch
    Breuer beiwohnt. Wen̄ Du wieder
    so plötzlich nach Wien kom̄st wie
    anfangs 1892 laß es Samstag
    abends sein.

    Das Fremdenzimmer laß ich schön
    grüßen, ich muß hier bleiben
    u für meine Würmer Geld
    verdienen. Leugne nicht, daß ich Haus
    u Hausfrau gerne sehen möchte. .

    – Lesen Sie Rudyard Kipling, geehrtes
    Ehepaar „Phantom Rickshaw" und
    „The light that failed". Sehr zu
    empfehlen!

    Allerherzlichste Grüße
    Dein
    Sigmund Freud