• S.

    Wien 28 Dez 87

    Geehrter Freund u College!

    Ihr herzlicher Brief und Ihr prächtiges
    Geschenk haben mir die angenehmsten
    Erin̄erungen wachgerufen, und die Gesin̄ung,
    welche ich aus beiden Weihnachtsgaben erken̄e,
    erfüllen mich mit Hoffnung auf einen
    regen und theilnahmsvollen Verkehr
    zwischen uns für die Zukunft. Ich weiß
    noch im̄er nicht, wodurch ich Sie gewon̄en
    habe; das Bißchen speculative Hirn-
    anatomie hat Ihrem strengen Urtheil
    wol nicht lange imponirt. Aber ich
    freue mich sehr darüber. Ich habe
    bisher im̄er das Glück gehabt, meine
    Freunde unterden Besten zu finden
    und war im̄er besonders stolz auf dieses

  • S.

    Glück. Ich danke Ihnen also und bitte
    Sie nicht verwundert zu sein, wen̄ ich für Ihr
    reizendes Geschenk gegenwärtig nichts
    zu erwidern habe.

    Ich höre gelegentlich über Sie, natürlich
    zumeist Wunderdinge. Eine meiner
    Quellen ist Frau Benedikt, die sich
    nebenbei gesagt, als gemeine cerebrale
    Neurasthenie entpuppt. Ich selbst habe
    mich in den letzten Wochen auf die
    Hypnose geworfen und allerlei
    kleine, aber merkwürdige Erfolge
    erzielt. Ich gedenke auch das Buch
    von Bernheim über die Suggestion zu
    übersetzen. Rathen Sie nicht ab,
    ich bin bereits contractlich ver-
    pflichtet. Die beiden Arbeiten: Gehirn-
    anatomie u allgemeine Charactere
    hysterischer Affektionen laufen
    als Erholung daneben her, soweit

  • S.

    der Wechsel der Stim̄ung u der Beschäftig-
    ung es gestattet.

    Meine Kleine entwickelt sich prächtig
    und schläft jede Nacht durch, was der
    größte Stolz jedes Vaters ist.

    Leben Sie recht wol, lassen Sie sich
    von der Arbeit nicht überwältigen,
    und wenn Sie Muße und ¿¿¿ Anlaß
    haben, denken Sie an Ihren 
    treu ergebenen
    Dr SigmFreud

    Meine Frau war von Ihrem Gruß sehr
    erfreut.