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S.
Wien 30/5 96
Theurer Wilhelm
Als Frucht quälerischen Nachdenkens
theile ich Dir folgende Lösung der
Psychoneurosenaetiologie mit, die ihrer
Bestätigg durch Einzelanalysen noch
harrt.Es sind vier Lebensalter zu unterscheiden
Lebensalter:
Ia Ib A II B III ‑4J. ‑8 ‑14 ‑X praeconsc infantil prea
pubertReife A u B sind (etwa 8-10) und (13-17) die
Übergangszeiten, in denen meist die
Verdrängg vor sich geht.Die Erweckg einer sex. Erin̄erg aus
einer früheren Epoche in einer späteren
bringt einen Sexualüberschuß in
die Psyche, der als Denkhem̄ung wirkt
u der Erin̄erung wie ihren Folgen
den Zwangscharakter – Unhem̄barkeit –
verschafft. -
S.
An der Zeit Ia haftet der Charakter
des Unübersetzten, so daß die Erweckg
einer Ia Sexualscene nicht zu psychischen
Folgen., sondern zu Realisiergen, zur
Conversion führt. Der Sex.überschuß
hindert die Übersetzg.Der Sexüberschuß allein kan̄ noch
keine Verdrängg machen, es gehört
das Mitwirken der Abwehr dazu;
ohne SexÜb. erzeugt aber die Abwehr
keine Neurose.Die einzelnen Neurosen haben nun
ihre Zeitbedinggen für die Sexual-
szenen:Zeitbedinggen: Verdrängg.
Ia Ib A II B. III ‑4 ‑8 ‑14 ‑X Hy Sc V ‑ V Zw Sc V ‑ V Par Sc V --Editorische Anmerkung
"Verdrängg" sollte nach dem rechten Rand der Tabelle angefügt sein, was aus grafischen Gründen nicht nachzugestalten war.
Legende: Sc: Scene; V: Verdrängung -
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d. h. die Szenen der Hy fallen in der
ersten Kindheitsperiode vor (‑4 J), wo
den Erinn̄ergsresten die Übersetzg in
Wortvorstellgen abgeht. Es ist gleichgiltig, ob
diese Ia Scenen in der Zeit nach II. Dentition
(8‑10) oder im Pubertätsstadium
erweckt werden. Im̄er entsteht Hy.
uzw Conversion, da das Zusam̄enwirken
von Abwehr u Sex. Überschuß die Übersetzg
hindert.Die Scenen der Zwneurose gehören der
Epoche Ib an, sind mit Wortübersetzg
versehen, u bei ihrer Erweckg in
II oder III entstehen psychische Zwangs-
symptome.Die Scenen der Paranoia fallen in die
Zeit nach der II. Dentit, in die Epoche II
u werden in III (Reife) erweckt. Die
Abwehr äußert sich dan̄ in Unglauben. -
S.
Die Verdränggszeiten sind somit
für die Neurosenwal gleichgiltig
die Ereignißzeiten entscheidend.
Der Character der Szenen ist insoferne
wichtig, als er zur Abwehr Anlaß
geben kann.Was geschieht, wenn die Szenen sich
durch mehrere Alter ziehen?
Dan̄ entscheidet die früheste Epoche
oder es kom̄t zu Combinationsformen.
die nachzuweisen wären. Von diesen
Combinationen ist die von Par und
Zw meist unmöglich, weil die in
II erfolgte Verdrängg der Ib Scenen
neue Sexualscenen unmöglich
macht.Die Hy ist die einzige Neurose, bei
welcher Symptome vielleicht ohne
Abwehr möglich sind, da dan̄ noch -
S.
der Character der Conversion bleibt.
(Rein somatische Hysterie).Zur Par gehört, wie man sieht, am
wenigsten infantile Bedingtheit; sie
ist die eigentliche Abwehrneurose,
auch unabhängig von der Moral u
Sexualscheu, die in A u B die Abwehr-
motive für Zw u Hy abgeben. Daher
dem niederen Plebs zugänglich;
Affektion des reifen Alters.Wo Scenen aus Ia, Ib, II fehlen, da
kann die Abwehr keine patholog
Folgen haben (Normale Verdrängg)
– der Sexualüberschuß erfüllt die
Bedinggen des Angstanfalles in der
Reifezeit. Die Erin̄ergsspuren sind
insufficient zur Aufnahme der
entbundenen Sex.quantitä, die Libido -
S.
werden sollte.
Man sieht, welche Bedeutg Pausen
im sexuell Erleben haben. Continuir-
liche Fortsetzg der Scenen über
eine Epochenscheidegrenze weicht
vielleicht der Möglichkeit einer
Verdrängg aus, da kein Sex.Übersch
zwischen einer Scene u der nächst
tieferen Erinnerung entsteht.Vom Bewußtsein, besser: Bewußtwerden
muß man dreierlei annehmen.
1) Daß es für die Erin̄ergen zumeist
im zugehörigen Wortbewußtsein besteht
also im Zulaß zu den associirten
Wortvorstellungen.
2) Daß es weder dem sog. unbewußten
noch dem sog. bewußten Reich
ausschließlich u untrenbar anhaftet
so daß diese Namen verwerflich scheinen. -
S.
3) Daß es durch Compromiß zwischen den
verschiedenen psychischen Mächten entschieden
wird, die bei den Verdränggen in
Conflict mit einander gerathen.Diese Mächte sind genau zu studiren
u aus ihren Resultaten zu errathen.
Es sind 1) die eigene quantit Stärke einer
Vorstellg und 2) eine frei verschiebbare
Aufmerksamkeit, die nach gewissen Regeln
attrahirt, nach der Abwehrregel abge-
stoßen wird. Die Symptome sind fast
sämtlich Compromissbildungen.Es ist ein fundamentaler Unterschied
zwischen ungehem̄ten und denkgehem̄ten
psychischen Vorgängen zu constatiren.
Im Conflict zwischen diesen beiden
entstehen die Symptome als Compromiße
denen der Weg zum Bewußts eröffnet
wird. Jeder der beiden Vorgänge ist -
S.
ist bei den Neurosen an sich correct, der
ungehem̄te ist monoideistisch einseitig,
das Compromißergebnis ist incorrect,
analog einem Denkfehler.Überall sind quantitat Bedingg zu
erfüllen, da sonst die Abwehr des
denkgehem̄ten Vorganges die Symptom-
bildung verhindert.Eine Art psych. Störg entsteht, wenn
die Macht der ungehem̄ten Vorgänge
wächst, eine andere, wenn die Kraft
des Denkhem̄ens nachläßt (Melancholie,
Erschöpfg, Traum als Vorbild).Das Wachstum der ungehem̄ten Vorgänge
bis zum Alleinbesitz des Weges
zum Wortbewußtsein schafft die Psychose.Von einer Separation der beiden
Vorgänge ist keine Rede, nur Unlust-
motive sperren die einzelnen
associativ möglichen Übergänge. -
S.
Damit würde ich wol für dieß Semester
den Zauberstab begraben. Ich habe
nicht geschrie ben, weil ich grantig war
u auch Dich in Deiner schlechten Zeit
wußte. Ich bin schon sehr reich an Terminen:6/4 . 7/4
12/4
6/5 . 7/5
12/5
20/5
29/5Ich brauchte wieder eine
Infusion von Lebenskraft,
wie die letzte in Dresden
war. Dieß Jahr hat meine
moralische Kraft aufgezehrt.Meinen Collegen zum Trotz habe ich den
Vortrag über Aet. d. Hy ausführlich
für Paschkis niedergeschrieben. Er fängt
heute an zu erscheinen.
Mein ältester Bruder aus Manchester
war diese Woche über hier. Nächsten
Don̄erstag geht mein Volk nach
Aussee. -
S.
Ich bin schon sehr begierig von Dir
zu hören. Was wirst Du alles indeß
aufgedeckt haben! Wan̄ sehen wir uns
wieder? Was macht RW? Und Deine
liebe Frau, die also durch alle
Beeinflußgen mir nicht abwendig
gemacht worden ist? Das Leben ist
doch sehr schwierig, meinst Du nicht?Du brauchst kein Urtheil über
die eingangs mitgetheilten Sachen zu
äußern; ich habe Dir bekan̄t, daß
mehr Spekulation dabei ist als sonst;
es ließ mir nur gerade keine
Ruhe.Mit allerherzlichsten
Grüßen
Dein
Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
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