• S.

    25.4.1895

    Mein lieber Freund

    Du hast so liebenswurdig geschrieben,
    daß ich Dich nicht warten lassen kan̄,
    bis ich etwas zu sagen habe;
    sondern aus der Alltäglichkeit
    heraus Nachricht geben muß.

    Ich halte Dich für sicherlich competenter
    zur Differentialdiagnose in diesen
    heiklen Dingen als wen anderen
    u habe mich also in der Auffassg
    meiner Affektion wieder irre
    machen laßen. Breuer z.B. hat die
    nicht toxische Herzaffektion ruhig
    gelten lassen. Eine Dilatation
    soll ich nicht haben, gespaltene
    Töne, Arrythmie udgl dauern
    fort trotz Abstinenz. Die Libido
    ist längst überwunden. 1 Gram̄

  • S.

    Digitalis in 2 Tagen hat die subjectiv
    Beschwerden sehr herabgesetzt u
    soll auch die Arrhythmie beein-
    flußt haben, die ich zwar im̄er spüre,
    sooft ich für meinen Puls
    eine Resonanz finde. Meine
    Verstim̄ung, Mattigkeit, Arbeits-
    unfähigkeit und das bisschen Dyspnö 
    sind eher ärger geworden.
    Dieß der „status idem“. Daß ich
    diese schöne Welt nicht verlasse,
    ohne Dich zum persönlichen
    Abschied hieherzucitiren steht
    mir schon seit Beginn meines
    Krankheitsgefühles fest. Ich glaube
    auch nicht, daß ich demnächst in
    die Lage kom̄en werde
    von dieser Deiner Erlaubniß
    Gebrauch zu machen, aber die

  • S.

    Quälerei und das nutzlose Verstreichen
    der Gegenwart gehen mir mehr
    zu Leide als was etwa an der Prognose
    unbefriedigend ist.

    In wenigen Tagen schicke ich Dir ein
    paar Seiten Rohmaterial, eine
    rasch aufgezeichnete Analyse
    in der man bis auf den Grund
    der Neurose sehen kan̄. Zu der
    Zusam̄enstellg für Dich kon̄te
    ich mich noch im̄er nicht haben
    ärgere mich sehr darüber. Das
    war doch sonst anders. Die
    sociale u wissenschaftl Windstille
    macht mir allerlei Sorgen.
    Wen̄ ich in der alltäglichen Arbeit
    bin, geht es mir am besten.

    Ich hoffe, Du bist wenigstens wol.

  • S.

    Ich glaube eine Stunde lang
    habe mich in diesen Tagen doch
    über meine Krankheit
    gefreut. Das muss gewesen
    sein, als ich Deinen Brief bekam.

    Ich grüße Dich u Deine
    liebe Ida herzlich u die
    Meinigen stim̄en ein.
    Dein
    Dr Sigm Freud

     

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    Editorische Anmerkung
    Der Brief ist bei Masson 1985/86 unter 25.5.1894 eingetragen, ebenso in der Briefliste Tögel.