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IX. BERGGASSE 19.
12.4.97Theurer Wilhelm
Ich höre mit schmerzlicher Bewegg,
daß Dein alter Freund Siebert
Dir durch die nämliche Erkrankg Sorge
bereitet, die ich unlängst wieder
kennen gelernt habe, u außer Stande
eine Prognose für ihn zu stellen,
bedauere ich auch mich wegen der
Möglichkeit, daß unser Congreß
dadurch vereitelt werden kann.
Ich darf natürlich noch auf guten
Ausgang hoffen u bleibe Deiner
Reiseanordnungen selbst wen̄ sie
telegraphisch erfolgen sollten, ge-
wärtig.Beinahe wäre eine Absage von mir
ausgegangen. Samstag nachmittag
erschreckte uns Martin durch
plötzliche Erkrankg mit Symptomen
im Hals, über welche Oscar sich -
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nicht sofort aussprechen will, während
der von ihm empfohlene Laufer sie
für Diphth¿ erklärt. Ich war erschüttert,
die Desinfektion war seit einer
Woche vorüber, die Kinder wieder
beisam̄en, u nun kon̄te man
gefaßt sein, eines nach dem anderen
in die Reihe eintreten zu sehen,
ob aber vollzählig wieder austreten?
Ich war noch abends bei Oscar ein
schlechter Gast freilich, aber froh
seine Versicherg zu empfangen
daß alles eher für eine gemeine
Angina spreche. Am nächsten Morgen
bat Laufer um Entschuldigg, daß er
uns den Schreck gemacht, es sei
sicherlich keine Diph. Er ist nun
freilich noch jetzt im Fieber, aber
das Bild ist das nämliche wie
bei sonstigen Anginen, mit denen
er sich periodisch legt. Nachträglich
haben wir uns besonnen, daß
die vorige am 14 Febr losbrach, -
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also 2 × 28 Tage.
Seine Erkrankg wird Dich noch in
anderer Hinsicht interessiren. Am
Freitag abds (Tag vorher) machte er
plötzlich ein „Gedicht", über welches
Martha Deiner Frau hoff' ich, aus-
führlich schreiben wird. Samstag
vormittag kam die zweite Hälfte
des Gedichts heraus, das die Über-
schrift bekam „Der Sommer" u die
Unterschrift „Dichter Martin Freud".
Kaum daß dies Opus rein geschrieben
war, began̄ er zu klagen, u abds
fieberte er schon hoch. Es war also
Euphorie vor dem Termin. Oli
muß diesen Zusam̄enhang geahnt
haben, als er am nächsten Tag in
seinen Tagesaufsatz schrieb: „Der
Martin war gestern Dichter,
heute ist er ziemlich krank" -
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Es wäre viel Freude von den Kleinen
zu haben, wenn nicht so viel Schrecken
dabei wäre. Ich habe mit Schmerz
bei diesen Gelegenheiten gemerkt,
wie tief herunter mich die letzten
Jahre der Überarbeitg u Span̄g gebracht
haben. Denk' nicht, daß ich dabei meiner
aetiologischen Lehre selbst widersprechen
will. Ich sehne mich nach einigen schönen
Tagen, habe auch wochenlange in etwaigen
freien Stunden nichts gethan als Bücher
aufgeschnitten, Patiencen gelegt, die
Straßen von Pompeji studirt udgl.Laß mich baldigst von Dir hören
uzw nur Gutes von allen Seiten.Mit herzlichstem Gruß für
Dich Deine liebe Frau und SohnDein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C26F16