• S.

    Wien 22.XI.96.
    Liebster Wilhelm

    Als Erstem aus der neuen Behausung
    schreibe ich Dir, um Dir für Deinen
    Brief und Frau Ida für ihre Sendung 
    zu danken. Ich muß glauben, daß sie
    die Arbeit gerne gemacht hat, denn
    anders wäre nicht zu erklären, daß 
    sie's gemacht hat. Dafür eine kleine
    Neuigkeit, die Euch freuen soll, von
    der ich nur zweierlei nicht weiß, ob
    sie wahr u ob sie für Euch neu ist.
    Klein ist sie nicht. Ein College, der Dein
    Buch bei Deuticke kaufen wollte,
    hörte von ihm, daß es vergriffen sei
    und hat es meinem Bruder erzählt.
    Es klingt so unglaublich, daß ich mir
    ein Dementi für morgen vorbe-
    halte. Hörst Du morgen nichts,
    so ist es doch so. 

  • S.

    Hoffentlich nim̄st Du's nicht als Dämpfer,
    wenn ich meinem Ärger über
    Anderes was ich gehört habe, keinen
    Zwang auferlege. Einer der nettesten
    Leute aus der Br`schen Gesellschaft
    äußert mir, das sei mit  den 28 u 23
    Tagen sei doch Zufall. _ Der Pepi
    Kaufman̄ habe die Wahrscheinlichkeit
    hiefür sehr schön ausgerechnet,
    und in der ganzen Runde rechnen
    sie unablässig, offenbar nicht zu
    Deiner Bestätigg. Es wäre ja recht,
    wen̄ sie nur der Bekehrg fähig
    wären, aber damit wird's nichts
    werden. Unerquickliche Dinge.
    Der Rosa A.. muß es übrigens ganz
    unverken̄bar um Vieles besser
    gehen; sie war unlängst sogar
    mit Minna im Theater.

  • S.

    Ich bin mit meiner Pein für N othnagel
    in wenigen Wochen färtig, durch den
    Umzug jetzt aufgehalten worden.
    Die Arbeiten in der Hy gehen gut
    vorwärts, ich stehe wegen 4 neuer
    Curen in Unterhandlgen, die ein
    Resultat in keinem Fall ergeben
    dürften; es ist aber doch reichlicher
    zu thun. Stim̄ung u Lebensfreudigkeit
    geht mir ganz ab, dafür notire
    ich fleißig die Gelegenheiten, wan̄
    ich mich mit den Zuständen nach
    meinem Tod beschäftigen muß.
    Wieder ein Thema, das man nicht zu
    ausgiebig behandeln darf, wenn
    man seinen Freund u einzigen
    Correspondenten liebt. Die Nasen-
    eiterg ist deutlich gebessert; wiederum
    sind wie nach der ersten Behandlg
    die Herzschmerzen verstärkt; für eine
    Weile, wie ich erfahren habe. 

  • S.

    Martha hat wieder Glänzendes geleistet,
    so daß ich keine Ordination zu versäumen
    brauchte. Jetzt geht die Unordnung oben
    an. Die zweite Generation ist sehr
    zufriedenstellend. 

    Mit dem Napoleon laß mir noch
    etwas Zeit, ich erwarte ihn täglich 
    bis jetzt vergebens. Von Rie's
    habe ich nichts gehört. Ich glaube
    nicht, daß sie von Paris nach Wien
    über Berlin kom̄en werden. Das
    ganze hat meine Menschenunlust
    wieder gesteigert.

    Schreib mir bald. Ich grüße Dich 
    Frau lda u Klein-Robert
    herzlich 
    Dein Sigm