-
S.
Aussee 14 8.97
Theurer Wilhelm
Ich muß mir vorhalten, daß ich mit
der Absage gestern eine gute
That gethan habe, sonst thut's mir
zu leid. Ich meine aber, es war
wirklich so.Im ersten Telegramm (23st., Bozen)
deutetest Du nicht an, wie lange
wir beisam̄en sein könnten.
Nach unseren Dispositionen (Martha
am 1/9 zurück) wäre es nur kurz
gewesen. So gab ich der Enttäuschg
Ausdruck, Du merktest es u versuchtest
von nun an alle Opfer zu bringen,
um die Begegnung zu ermöglichen.
Ich machte mich unterdeß mit dem Weg-
fall unseres Wiedersehens vertraut,
fand es recht traurig u war darum
herzlich froh, als Du den 22st bestim̄test.
Jeder andere Tag wäre mir damals
eben so recht gewesen. Ich antwortete:
Einverstanden. Nun kam am selben
Tag Dein neuer Vorschlag, wir
sollten früher reisen, da
Ihr bis zum 19 frei seid. -
S.
Aus dem entnehmen wir erst, daß
Deine Alten ihre Bestim̄gen
geändert, anstatt am 15, am 18ten
nach Karersee abreisen. (Wir meinen
auch sie nicht freiwillig, sondern
wegen Raummangels im Hotel
infolge der Ankunft der Kaiserin,
dann wärt Ihr nur 2-3 Tage (19-22st)
mit Ihnen beisam̄en, um uns treffen
zu können, u darum, dacht' ich, der
neue Vorschlag. Nun überkam uns
aber das Mitleid. Von Bozen
nach Karersee oder Trafoi sind
vielstündige Wagenfahrten. Bozen
u Dein Befinden dort hast Du
selbst geschildert. Ob das Kind mit
Euch ist wie Martha durchaus
wissen wollte, ließen wir bei
Seite. Wenn wir den 22ten wählten,
dann sähe Eure Existenz so aus.
Von Trafoi am 18t nach Bozen, von
dort am 19 nach Karersee, von dort
am 22 zurück, nach 1-1 1/2 Tagen
wieder weiter oder wieder zurück.
Oder in Bozen unsertwegen
mit den Eltern verbleiben!
Daß Ihr uns die Wagenfahrt -
S.
nach Trafoi oder zurück nicht vorschlagen
würdet, nehmen wir als sicher.Wenn wir früher reisten, so stellte sich
die Sache so: Vor Montag früh hätten
wir nicht reisen können, kom̄en
am selben Tag nur bis In̄sbruck
dank unseren Verbindungen, treffen
Euch erst Dienstag nachmittag in
Bozen (17/8) und am 19 früh hätten wir
Euch verlassen müßen, also doch
nicht ganz zwei Tage. Und entweder
Ihr früher von Trafoi weg in das
wahrscheinlich heiße unerquickliche
Bozen, oder wir nach Trafoi. Bei
dieser Anordnung war vielleicht
die größere Unbequemlichkeit
auf unserer Seite. Ich wäre so vom
17/8-20/9 fünf Wochen unterwegs, was
mein Budget auf eine harte
Belastungsprobe stellen würde u
das behagliche Aussprechen mit
Dir nach dem ich mich sehne, wäre
doch nicht gesichert. Auf einen Congreß
mit den beiden Frauen muß
nothwendig mehr Zeit gerechnet
werden, als wenn wir allein sind. -
S.
Wieviel von diesen Erwägungen
unrichtig ist, wieviel ich übrigens
durch meinen leichtsin̄igen
zweiten Brief mit den vielerlei
Vorschlägen selbst verschuldet
habe, steht dahin. Ich sah nur, daß
Du Dir alle möglichen Opfer aufer-
legen willst, um das – nur durch
das Hochwasser – vereitelte Wieder-
sehen möglich zu machen, daß Deine
Frau alle Beschwerden bei diesen
Correcturversuchen zu theilen
hat, u ich fühlte die Verpflichtg
Euch zu entlasten u Euch die Freiheit
wiederzugeben. Es geht nicht zusam̄en,
sagte ich mir, u man soll nichts
forciren wollen. Einen Beweis,
daß das Mißlingen nicht Eure
Schuld ist braucht Ihr nicht
zu erbringen. Ich schäme mich
einzugestehen, daß ich solch vieler
kleiner Opfer mich gar nicht
für fähig hielte. -
S.
Ich möchte nur, daß wir die nächsten
Wochen im Contakt bleiben; viel-
leicht läßt sich irgend etwas im-
provisiren. Ich werde Dir von
jeder längeren Aufenthalts-
änderg Nachrichtzugeben, wenn
ich weiß, wo Ihr seid u hinzugehen
gedenkt. Unser Reisebeginn
dürfte auf Samstag 21/8 fallen.Meine Neugier muß ich nun
für eine Weile zurückdäm̄en.
Aber ich kann im̄er, wenn ich es
nicht aushalte, über einen Samstag
u Sonntag nach Berlin. An meinen
Erzählgen verlierst Du dießmal
nichts. Es gährt in mir, ich bin
mit nichts fertig; mit der Psy-
chologie sehr zufrieden, in der
Neurotik von schweren Zweifeln
gequält, sehr denkfaul u
habe es hier nicht in Stande ge-
bracht das Wühlen im Kopf
u in den Gefühlen zu ducken;
dazu gehört erst Italien. -
S.
Nachdem ich hier schon sehr fidel
geworden war, genieße ich jetzt
eine grantige Periode. Der Haupt-
patient, der mich beschäftigt, bin
ich selbst. Meine kleine, aber durch
die Arbeit sehr gehobene Hysterie
hat sich ein Stück weiter gelöst.
Anderes steckt noch. Davon hängt
meine Stim̄ung in erster Linie ab.
Die Analyse ist schwerer als irgend
eine andere. Sie ist es auch, die
mir die psychische Kraft zur Dar-
stellg und Mittheilg des bisher
Gewon̄enen lähmt. Doch glaube
ich, es muß gemacht werden u
ist ein nothwendiges Zwischenstück
in meinen Arbeiten.Nun seid beide herzlich gegrüßt
u laßt wie wir auf das kurze
Bedauern bald eine neue
Erwartung folgen.
Dein Sigm
-
Bad Aussee 8990
Österreich
Karersee Hotel
39056 BZ
Italien
C27F1