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S.
Dr. Sigm. Freud
Dozent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 1914. 4. 98
Theurer WilhelmIch meine, es ist eine gute Regel für
den Briefschreiber, das unerwähnt
zu lassen, was der Empfänger schon
weiß, ihm dafür lieber etwas
Neues zu erzählen. Darum gehe ich
darüber hinweg, daß ich gehört, Du
hattest zu Ostern eine schlechte Zeit
gehabt; das weißt Du ohnehin. Ich
will Dir lieber von meiner Osterreise
erzählen, die ich grantig zurückge-
legt, von der ich aber erfrischt
zurückgekom̄en bin.Wir fuhren Freitag abds (Alex. und ich)
vom Südbahnhof fort u langten Samstag
10h früh in Görz an, wo wir im
hellen Sonnenschein zwischen weißge-
strichenen Häusern spazirten,
weißblühende Bäume sahen, Orangen
u candirte Früchte essen konnten.
Dabei sam̄eln wir Erinnergen, die Aussicht -
S.
von der Festung erin̄ert an Florenz,
die Fortezza selbst an S. Pietro in Verona
u an die Burg in Nürnberg. Die erste
Empfindg, die einem im italienischen
Lande nachgeht, das Vermissen von
Wiese u Wald, war natürlich
wie bei jedem Übergang sehr
lebhaft. Der Isonzo ist ein herrlicher
Fluß. Auf dem Wege begegneten
wir drei Zügen der Julischen Alpen.
Am Sonntag hieß es früh aufstehen
um mit der friaulischen Lokalbahn
bis nahe an Aquileja zu kommen.
Die ehemalige Großstadt ist ein kleiner
Misthaufen, das Museum zeigt
freilich einen unerschöpflichen
Reichthum an Römerfunden:
Grabsteine, Amphoren, Göttermedaillons
vom Amphitheater, Statuen, Bronzen
u Schmuck. Mehrere priapaeische Darstel-
lungen. Eine Venus, die sich von
dem eben geborenen Kinde
unwillig abwendet, nachdem ihr
das Membrum gezeigt worden ist;
Priamus als alter Mann, den -
S.
ein Silen die Scham verhüllt, der sich
von jetzt an also dem Trunk ergeben
wird. Ein steinernes Priapusornament
der Penis als Flügelthier, von den an
natürlichen Stelle ein kleinerer
abgeht, während die Flügel selbst als
Penis endigen. Der Priamus war die
festgehaltene Erektion, die Wunsch-
erfüllg als Gegensatz der psychischen
Impotenz.Um 10h wurde von einem merkwürdigen
Motor ein kleiner Dampfer in
den Kanal von Aquileja geschleppt,
der gerade niedriges Wasser hatte.
Der Motor hatte einen Strick um
den Leib u rauchte während seiner
Thätigkeit Pfeife. Den Dampfer
hätte ich gerne den Kindern mitge-
bracht, er war aber als einzige
Weltverbindung nach dem Curort
Grado nicht zu entbehren. Eine
2 1/2 st. Fahrt durch die ödesten Lagunen
brachte uns nach Grado, wo wir
endlich wieder am Strande der
Adria Muscheln u Seeigel
sam̄eln konnten. -
S.
Noch am Nachmittag kamen wir nach
Aquileja zurück, nachdem wir von
unseren Vorräthen u von einem
köstlichen Istrianerwein auf dem
Schiff Malzeit gehalten hatten.
Im Dom von A. waren gerade mehrere
hundert der schönsten Friauler Mädchen
zur Feiertagsmesse versam̄elt.
Die Pracht der alten romanischen Basilika
that wol mitten in der Armuth
der Neuzeit. Auf dem Rückweg
sahen wir ein Stück alter Römer-
straße mitten in einem Feld
freigelegt. Ein recenter Betrunkener
lag auf den antiken Pflastersteinen.
Am selben Abend kamen wir noch
nach Divaĉa auf dem Karst, wo wir
übernachteten, um am nächsten
d letzten Tag – Montag – die Höhlen
zu besuchen. Am Vormittag gingen
wir in die Rudolfshöhle, 1/4 H
von der Station, angefüllt mit
allerlei seltsamen Tropfsteinbildungen, -
S.
Riesenschachtelhalmen, Baumkuchen
Stoßzähnen von unten, Vorhängen,
Maiskolben, faltenschweren Zelten, Schinken
u Geflügel von oben herabhängend
Das merkwürdigste war unser Führer,
im schweren Alkoholdusel, aber
ganz sicher u humoristisch belebt. Er
war der Entdecker der Höhle selbst,
ein verkom̄enes Genie offenbar,
sprach im̄er von seinem Tode, seinen
Conflicten mit den Geistlichen u seinen
Eroberungen in diesen unterirdischen
Reichen. Als er äußerte, daß er schon
in sechsunddreißig „Löchern" im Karst gewesen,
erkannte ich ihn als Neurotiker und
sein Conquistadorentum als erotisches
Aequivalent. Er gab wenige Minuten
später die Bestätigung, denn als
Alex ihn fragte, wie weit man in
der Höhle kom̄en kann, antwortete
er: Es ist wie bei einer Jungfrau; je
weiter man kom̄t, desto schöner
ist es. -
S.
Das Ideal des Mannes ist es, einmal
nach Wien zu kom̄en, um sich dort
in den Museen Vorbilder für
die Namengebung seiner Tropfsteine
zu holen. Ich überzählte den „Größten
Lumpen von Divaĉa", wie er sich
nennt, mit einigen Gulden, damit
er sich schneller aus dem Leben
trinken kann.Die Höhlen von St. Canzian, die wir
am Nachmittag sahen, sind ein schauer-
liches Naturwunder, ein unterirdischer
Flußlauf durch großartige Gewölbe,
Wasserfälle, Tropfsteinfelsbildungen,
Nacht, schlüpfrige, mit eisernen
Geländern versicherte Wege. Der
reine Tartarus. Wenn Dante dergleichen
gesehen hat, so brauchte er für
sein Inferno nicht viel Phantasie-
anstrengung mehr. Der Herr von
Wien, Herr Dr Carl Lueger war mit
uns gleichzeitig in der Höhle, die
uns alle nach 3 1/2 Stunden wieder
an's Licht spie. -
S.
Montag abends fing die Heimreise an.
Tags darauf konnte ich an der Wieder-
kehr von Einfällen bei der Arbeit
merken, daß die Ruhe dem
Apparat wolgetan hat. –Beiliegend ein Brief, der folgende
Geschichte hat. In der letzten Num̄er
der W kl Rundschau war eine
Kritik Deines Buches zu lesen
von einem gewissen „Ry", ein Muster
jener Art von Unverschämtheit
die der absoluten Ignoranz eigen
ist. Ich habe Paschkis einen un-
sanften Brief mit der Bitte um
Aufklärg geschrieben. Hier die
loyale, aber sterile Antwort.
Ich will nichts weiter thun, ohne Dich
gefragt zu haben. Was gedenkst
Du thun zu lassen? Es gäbe mehrere
Wege Genugthuung zu schaffen.Eigenes Interesse verlangt noch zu
wissen, wan̄ Du hieher kom̄st, damit
ich berechnen kann, wann ich Martha -
S.
mit Mathilde in Deine Behandlg
schicken soll. Nach Pfingsten wäre
es mir am liebsten, da das Kind
Aufnahmsprüfg vor sich hat.
Es hängt aber alles von Dir
ab. Bei Dir wohnen sollen sie
dießmal gewiß nicht, da sie die
Schwester in Berlin haben u
der Zustand Deiner Frau die
Belastung für uns ausschließt.Nun laß endlich mal wieder
Gutes von Dir u ihr
hören. Ich erwarte es mit
Ungeduld
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F5