• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a.d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 19.

    15.2.1901
    Theurer Wilhelm

    Ich gehe sowenig Ostern nach Rom
    wie Du. Deine Bemerkg hat mich
    erst über den Sinn der mir sonst selbst 
    unverständlichen Einschaltg in meinem
    letzten Brief aufgeklärt. Es war gewiß
    eine Mahnung an Dein in besseren
    Zeiten gegebenes Versprechen dahinter
    einen Congreß auf klassischem Boden
    mit mir abzuhalten. Ich wußte sehr wol,
    daß diese Mahnung gerade jetzt übel
    angebracht ist. Ich flüchtete mich nur
    vor der Gegenwart in die schönste
    der darnaligen Phantasien u merkte es
    selbst, in welche. Unterdeß sind die
    Congreße selbst Überlebsel geworden;
    ich mache selbst nichts Neues und bin,
    wie Du schreibst, dem völlig ent-
    fremdet, was Du machst.

    Ich kann mich nur noch aus der Ferne
    freuen, wenn Du die Darstellung

  • S.

    der großen Lösungen als bevorstehend
    ankündigst und Dich so zufrieden mit
    dem Fortgang der Arbeit äußerst.
    Du hast dann gewiß Recht, wenn Du
    Dir die weiteren Mittheilungen über
    die nasalen Beziehungen für diesen
    weiteren Zusam̄enhang aufsparst.

    In einigen Tagen wird auch die Alltags-
    psychologie fertig u dan̄ werden beide
    Aufsätze corrigirt, abgesendet usw.
    Es ist alles in einer gewißen Dumpfheit
    geschrieben, deren Spuren sich nicht
    werden verbergen lassen. Das dritte,
    was ich begon̄en, ist etwas ganz Harmloses;
    die reine Wasserkocherei der armen
    Leute. Ich sam̄le die Notizen über
    die Neurotiker in der Ordination,
    um zu zeigen, was eine nothwendig
    flüchtige Beobachtung von den Beziehungen
    zwischen Vita sexualis u Neurose enthüllt
    u um Bemerkgen daran zu knüpfen.
    Also etwa dasselbe, womit sich Gattl
    seinerzeit so unbeliebt in Wien gemacht

  • S.

    hat. Da ich neue Fälle haben will u die Ordination
    sehr spärlich geht, habe ich bis jetzt erst
    6 Num̄ern und nicht von der besten
    Art beisammen. Auch die Probe auf
    Linkshändigkeit habe ich eingeführt:
    Dynamometer und Einfadeln.

    Über Minna's Krankheit kann ich
    Dir weitere Aufklärungen nicht
    geben. Neue Einsichten sind nicht gekom̄en,
    das Darmgeschwür scheint correct geheilt,
    sie ißt wieder feste Sachen, das Allge-
    meinbefinden ist wechselnd, der Puls
    noch sehr wandelbar, durch Gespräch allein
    auf 130 zu bringen. Von Neurotischem
    kann ich keine Spur erblicken. Im
    Ganzen Besserung gegen die letzten
    Wochen unverkennbar.

    Einen letzten Montag in der NFr Presse
    angekündigten Vortrag habe ich nicht
    gehalten. Es war wieder eine Wohlthat
    von Breuer, der die Philos. Gesellschaft
    die zu ihm betteln kam, auf mich hetzte.
    Ich sagte sehr ungern zu, merkte später
    bei der Ausarbeitg, daß ich allerlei
    Intimes u Sexuelles bringen müßte, was

  • S.

    für ein gemischtes und mir fremdes Publikum
    nicht tauge u sagte brieflich ab (1e Woche).
    Darauf erschienen zwei Abgesandte bei
    mir u suchten mich doch zu nöthigen. Ich
    rieth ihnen dringend ab u forderte sie
    auf, sich den Vortrag eines Abends bei
    mir selbst anzuhören (2te Woche). In
    der dritten Woche hielt ich ihnen zweien
    den Vortrag u hörte, er ei wunderschön
    ihr Publikum würde ihn anstandslos
    vertragen usw. Der Vortrag wurde
    also für die 4te Woche angesetzt. Einige
    Stunden vorher erhielt ich aber einen
    pneumatischen Brief, einige Mitglieder
    hätten doch Einwände erhoben u sie ließen
    mich bitten, meine Theorie zuerst durch
    unverfängliche Beispiele zu erläutern
    dann anzukündigen, jetzt käme das
    Verfängliche, und eine Pause zu machen,
    damit die Damen den Saal verlassen
    könnten. Ich habe natürlich sofort abgesagt,
    und der Brief, in dem ich es that, war
    wenigstens gewürzt und gesalzen.
    Dieß ist wissenschaftl Leben in Wien!

    In der Hoffnung bald Gutes
    von Dir zu hören
    Dein getreuer Sigm