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S.
[Briefkopf Wien] 8. April 23
Lieber Freund
Jeder Brief von Ihnen trägt den Stempel der lebens- und erfolgreichen Berliner Konstellation und überdies Ihres eigenen Optimismus, der Ihnen erhalten bleiben möge. Gerade gestern ist meine Frau mit Martin zur Hochzeit nach Berlin gefahren, und ich kann hoffen, daß sie auch Sie und Ihre Frau zu Gesicht bekommen wird.
Es ist merkwürdig, wie sehr Sie mich noch immer – materiell wie physisch – überschätzen! Ich kann Ihren Onkel, obwohl mir zu dem Datum seines Wüstenritts noch acht Jahre fehlen, nur beneiden, nicht nachahmen. Ich bin nicht reich und nicht gesund genug dazu. Allmählich werden Sie sich doch an den Gedanken gewöhnen müssen, daß ich sterblich und hinfällig bin.
Was ich vom Sommer weiß, will ich Ihnen gern mitteilen. Es ist wenig Gesichertes, Juli in Gastein für mich und Minna – wenn ihr Herzzustand es nicht verbietet. Dies der einzige feste Punkt, sonst nur Tendenzen. Am liebsten möchten wir den August miteinander in den Dolomiten zubringen: Prags? Madonna di Campiglio? Aber da kann der kleine Ernst aus Hamburg nicht mit. Meine Frau denkt daher, im Juli mit ihm und Anna an den Ossiacher See zu gehen, wo wir Annenheim als voll befriedigenden Aufenthalt, leider bei sehr schlechter Wirtschaft, vor dem Krieg kennen gelernt haben. Ist es diesmal dort besser, so komme ich vielleicht auch über August hin. Der September ist weniger schwierig. Frau und Schwägerin befinden -
S.
sich dann am wohlsten in Reichenhall, Anna drängt nach Rom, und auch ich denke daran, daß zehn schreckliche Jahre vergangen sind, seitdem ich zuletzt dort war.
Dies sind die Daten. Nun können Sie etwas damit anfangen? Wir können ja auch weiter darüber handeln.
Sie haben Recht, daß der alte Zustand im Komitee nicht hergestellt ist, aber Jones hatte sich, was Sie im einzelnen ja gar nicht wissen können, zu schlecht benommen.
Ich bin sehr erfreut, mich zu überzeugen, daß meine Paladine, Sie, Ferenczi, Rank in (i)Ihren [sic] Arbeiten immer fundamentale Dinge anpacken, anstatt sich mit irgendwelchen Ausläuferzierraten herumzuspielen. So also jetzt Sie mit der Objektliebe. Ich bin sehr neugierig es zu lesen, kann nicht entnehmen, wie weit Sie damit sind.
Mit herzlichsten Grüßen für Sie mit Frau und Kindern Ihr Freud
P.S. Sehr interessiert, was sich jetzt bei Oph.[uijsen] entwickelt.
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