• S.

    [Briefkopf III Berlin] 14. XII. 10.

    Lieber Herr Professor,

    Heute brachte mir Eitingon Ihre Grüße. An meine Briefschuld brauchte er mich nicht erst zu erinnern. Ich habe das Schreiben aufgeschoben, weil ich Ihnen meinen Brief als Begleit- schreiben zum Segantini schicken wollte. Dieser letztere leistet aber der Analyse große Widerstände, und so kommt die Verzögerung. Da ich Ihnen das Manuskript nun doch nicht vor Weihnachten senden kann, so sollen Sie wenigstens ein Lebenszeichen erhalten. Das Thema bietet wirklich ungewöhnliche Schwierigkeiten, aber ich glaube jetzt alles Lösbare gelöst zu haben, und es handelt sich nur noch um die Niederschrift der letzten zwei Kapitel. Ich höre, daß Sie demnächst mit Bleuler zusammentreffen, und warte in Ruhe das Ergebnis ab. Schade, daß Ihr Weg nicht über Berlin führt. Bei mir hat sich eine große Menge von Fragen angehäuft, über die ich gern mit Ihnen sprechen würde. Unsre Gruppe macht sich gut. Juliusburger und Koerber haben sich sehr eingearbeitet. Letzterer brachte kürzlich Traumanalysen, über die ich erstaunt war. Es fehlt leider an jungen Kräften. Immerhin nimmt das medizinische Berlin mehr und mehr Notiz von der Psychoanalyse, wenn auch im feindlichen Sinne. In den Zeitschriften sind wieder ein paar blöde Kritiken erschienen, deren blödeste von 

  • S.

    Näcke stammt. Die Literatur pro nimmt unheimliche Dimensionen an. Jones hat schon wieder Fünflinge geworfen, die er mir zusandte. Wissenschaftlich will ich heute nur mitteilen, daß ich zwei Fälle von sogenannter Zyklothymie ziemlich weit analysiert habe, die mit einem früher untersuchten zusammen sehr gute Einblicke in das Wesen dieser Krankheit geben. Leider habe ich alle drei Patienten nur im depressiven Zustande gehabt und kenne den exaltierten nur aus nachträglicher Schilderung. Immerhin glaube ich dem Verständnis der manischen Ideenflucht nahe zu sein. Mit der Praxis des ablaufenden Jahres bin ich sehr zufrieden. Der Fortschritt gegen das Vorjahr ist deutlich. Nur sind die Schwankungen noch zu groß. Aber die Erfolge waren sehr erfreulich. Darf ich Ihnen das Manuskript nach Fertigstellung senden, oder soll ich – da Sie Weihnachten verreisen – bis nach Neujahr warten? Ich möchte Ihnen für die wenigen Ferientage keine Last aufbürden. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
    Ihr ergebener
    Abraham