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[Briefkopf II Berlin] 23. I. 10
Lieber Herr Professor,
Als gestern Ihr Brief eintraf, wollte ich gerade selbst schreiben. Da ich weiß, wie sehr Ihre Zeit in Anspruch genommen ist, so rechne ich selbstverständlich nicht »Auge um Auge« mit Ihnen. Ich danke Ihnen herzlich für alles Freundliche, das Ihr Brief enthält. Momentan bin ich in Berlin nicht gar so vereinsamt, da ich mit den Peripatetikern (Karpas, Eitingon etc.) oft zusammenkomme. Der Kurs macht sich sehr hübsch. Ich habe neun Teilnehmer, die alle recht interessiert zu sein scheinen. Sonderbarerweise sind die vier hiesigen Ärzte, die sich bestimmt angemeldet hatten, überhaupt nicht erschienen! Frau Dr. Meyer, meine neue Patientin, die ich freilich erst einmal gesehen habe, hängt an Ihnen mit mustergültiger Übertragung. Wenn ich erst Genaueres weiß, berichte ich Ihnen über den Fall. Auf Nürnberg freue ich mich sehr. Vorläufig weiß ich freilich nicht, was für prinzipielle Fragen besprochen werden sollen. – Wer übernimmt in N. die Organisation?
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S.
Ich bin über die Hotel- und sonstigen Verhältnisse dort ziemlich unterrichtet und kann vielleicht in irgendeiner Beziehung raten? Die »Traumzustände« habe ich an Jung gesandt. Jetzt soll Segantini kommen. Er soll, aber gegenwärtig bin ich im Hauptamt gerichtlicher Psychiater, d.h. mit Gutachten überlastet. Ich habe diese Tätigkeit neben der psychotherapeutischen sehr gern, und aus Erwerbsrücksichten kann ich sie auch nicht entbehren. Der Gesamterfolg 1909 war sehr ermutigend, ich habe es auf über 8000 M. gebracht. – Segantini wird mich übrigens nötigen, auch auf das Fliegen einzugehen, und es ist mir eigentlich nicht recht, dem Leonardo vorzugreifen. Kürzlich habe ich – leider nur zu kurz – einen hochintelligenten Schriftsteller analysiert, der sich aufgrund seiner Infantilismen intensiv mit dem Flugproblem befaßt hat; er hat auch sehr feine Sublimierungen mit Segantini gemeinsam. In Berlin wird sich demnächst wohl die Gegnerschaft wieder recht unangenehm zeigen. Ziehen läßt in der Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrankheiten einen seiner Ärzte ein »kritisches« Referat halten, und – Moll schickt sich, wie ich aus sicherer Quelle höre, zu irgendeiner Tücke an. Macht nichts. In Süddeutschland scheint
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S.
es viel besser zu stehen. Über Amerika höre ich durch Karpas öfter. Mein Sammelreferat Ihrer Schriften wird – Ihre Zustimmung vorausgesetzt – vielleicht von Dr. Wulff in Odessa ins Russische übersetzt werden. Ich habe das letzte Jahrbuch erst teilweise gelesen, ganz eigentlich nur Ihre Arbeit, die mich lebhaft an den Salzburger Vortrag erinnerte. Hoffentlich wird der diesjährige Kongreß uns recht befriedigen. Ich habe in letzter Zeit viele interessante Einzelbeobachtungen gesammelt, über die ich gern mit Ihnen sprechen möchte, besonders aber über einiges Theoretische, das mir wichtig scheint. Kommen Sie nicht eventuell einen Tag früher nach N.? Die Stadt ist sehr anziehend und eignet sich sehr zur Unterhaltung im Spazierengehen. Eventuell wäre das nahe Rotenburg ob der Tauber ein sehr geeigneter Ausflugspunkt. Ich hoffe, daß es Ihnen und den Ihrigen gut ergeht. Kommt Ihre Frau Gemahlin nicht vielleicht nach Nürnberg? Meine Frau würde sehr gern mitgehen. Beim ersten Kongreß waren ja auch ein paar Damen. Nach Wien wird das hiesige »psychoanalytische Paar« wohl vorläufig nicht kommen. Mit herzlichen Grüßen,
Ihr ergebener K. Abraham
Schöneberger Ufer 22
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