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[Briefkopf II Berlin] 14. III. 10
Lieber Herr Professor,
Auf Ihren letzten Brief, der mancherlei manifeste und latente Klagen enthielt, will ich Ihnen doch wieder ein Lebenszeichen geben. Nehmen Sie vor allem besten Dank für Ihre wissenschaftlichen Mitteilungen. Ich hoffe, Nürnberg wird recht erfreulich werden und wird Sie für manche Unannehmlichkeiten entschädigen. Ich bedaure so sehr, daß Sie auch mit Ihrem Befinden noch immer nicht zufrieden sind. Wenn Wien nicht so fern läge, würde ich es Ferenczi gern nachgemacht haben; möchten Sie nicht einen Tag früher nach N. kommen? Ich würde mich gern darauf einrichten und wir könnten das vor einem halben Jahr in der Eisenbahn abgebrochene Gespräch fortsetzen. Ich weiß nicht, ob mein Vorschlag Ihnen zusagt; ich selbst würde mich außerordentlich freuen, wenn sie ihn akzeptieren. Das Nürnberger Programm ist recht reichhaltig, aber der wissenschaftliche Teil ist nicht ganz so wie ich gewünscht hätte. Übrigens hat auch Juliusburger einen Vortrag angekündigt. Sie haben wohl inzwischen
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das Thema (Über Feuerbach und Freud) schon vernommen . Die Gründung eines Vereins und eines Korrespondenzblattes sagt mir sehr zu. Mein Kurs, der dieses Mal nur vier Teilnehmer hat, ist vor Ostern zu Ende. Ich habe viel Freude davon. Weder beim ersten noch bei diesem Kurs hat ein Teilnehmer eine Stunde versäumt. Meine jetzigen Hörer sind ein 60jähriger Sanitätsrat, ein Oberarzt der Epileptiker-Anstalt in Potsdam, ein Kurarzt aus dem Schwarzwald und ein hiesiger Kollege namens Dreyfus, Psychiater, augenblicklich Assistent bei Oppenheim. Er ist auf dem Wege, Anhänger zu werden, macht auf eigne Faust Analysen und ist selbständig genug, um sich nicht um den allgemeinen Berliner Widerstand zu kümmern. Ich erwarte sehr Gutes von ihm. Nach Nürnberg kann er nicht mitkommen, weil er zu Studienzwecken nach Paris geht. Der Kurs nimmt mir einen Teil meiner Abende; dazu kommt die Gutachtertätigkeit, die seit Anfang des Jahres merkwürdig prävaliert. Oppenheim schickt mir – vielleicht ist er durch die Kurse verschnupft – wenig Patienten, und dann solche, die zur Analyse sicher untauglich sind; und ist mal einer brauchbar, so bittet er mich schriftlich,
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keine Analyse zu machen. Die Gutachten halten mich vom Wissenschaftlichen sehr zurück. Segantini kommt kaum vorwärts, und das Referat über Fetischismus werde ich erst in den Ostertagen in Angriff nehmen. Der Verfasser des Artikels in der Frankfurter Zeitung ist jetzt auf dem Wege, die Wunscherfüllung anzuerkennen. Gleichzeitig macht er in therapeutischer Beziehung Fortschritte. Hirschfeld, der von langen Reisen jetzt zurückkehrt ist, erzählte mir gestern, daß er in Frankreich und England sehr oft nach Ihnen gefragt worden sei. Er hat die Absicht, auch zum Kongreß zu kommen. Diesen Sommer werde ich wohl nicht aus Berlin herauskommen, wegen unsres Umzuges und wegen eines im Spätsommer zu erwartenden erfreulichen Ereignisses. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus,
Ihr ergebener
Abraham
Schöneberger Ufer 22
Berlin 10785
Duitsland
Berggasse 19
Wien 1090
Oostenryk
C15F4