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[Briefkopf II Berlin] 28. IV. 10.
Lieber Herr Professor,
Ich nehme an, daß Sie von Nürnberg voll befriedigt zurückgekehrt sind. Mir selbst war die größte Freude die Stimmung, in der alle Teilnehmer den Kongreß verließen. Ich fuhr mit Eitingon, Hirschfeld und Körber zurück, und wir hörten während der neunstündigen Fahrt nicht einen Moment auf, von den Eindrücken zu reden. Morgen werde ich die Tätigkeit unsrer Ortsgruppe mit einem einleitenden Referat eröffnen. Inzwischen haben Sie mir wieder neuen Anlaß gegeben, Ihnen herzlich zu danken. Von den fünf Vorträgen habe ich bisher nur den ersten gelesen und die andern durchblättert. Sie kommen wie gerufen zur Einführung der vielen neuen Interessenten. Gut hatten’s aber die Amerikaner, die das alles als gesprochenes Wort hören durften. – Ferner haben Sie besten Dank für die Patienten- Empfehlung. Ob Herr Strasser aus Budapest hierherkommt, weiß ich noch nicht, seinem Briefe nach wäre es aber wohl möglich. In meinem Sprechzimmer steht die Psychoanalyse seit kurzem in Blüte; ich habe in ganz kurzer Zeit vier
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neue Behandlungen begonnen. Drei davon auf sehr merkwürdige Weise. Einer Ihrer früheren Patienten – ich glaube er heißt Rudolf Förster – hat die Analyse in einen kleinen neurotischen Kreis hier eingeführt. Zuerst kam von dort eine sehr intelligente junge Frau, die sich in der Behandlung sehr schön bessert und bald ihre intimste Freundin schickte, und dann vor einigen Tagen noch einen Freund, der schon mal in Wien mit Ihnen wegen einer Behandlung gesprochen hat. Er heißt Müller und fällt durch extreme germanische Blondheit auf. Diese drei sind überaus interessante Objekte, übrigens ist ein Fall von realem Eltern-Inzest darunter. An diesen und einem andern Fall, den mir Hirschfeld zur Analyse sandte, habe ich sehr schöne Ergebnisse zur Frage der Rassenflucht, Mischehe etc. gewonnen, die ich bald publizieren will. – Der offizielle Widerstand in Berlin ist stärker als je. Ich hoffe, Ihnen und den Ihrigen, besonders auch Ihrer ältesten Tochter, geht es ganz nach Wunsch. Bei uns nehmen die Vorbereitungen auf die kommenden Dinge viel Zeit in Anspruch, sonst hätte ich Ihnen auch früher ein Lebenszeichen gegeben. Die Wohnungsfrage ist nun wenigstens gelöst. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr ergebener Karl Abraham
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