• S.

    [Briefkopf Wien] Csorbató, 27. 8. 18 Lieber Freund Sie haben recht, ich habe Sie seit Kriegsbeginn nicht gesehen. Briefverkehr ist keine Entschädigung dafür gewesen. Ich freue mich also ganz besonders auf die Zusammenkunft zum Kongreß in Breslau, hoffe, ich werde keine Reiseschwierigkeiten haben. Ihren letzten Brief habe ich nicht beantwortet, ich glaube, weil ich damals zu wütend und zu sehr verhungert war. Hier habe ich mich erholt und wieder Fassung bekommen. Die Aufnahme in Budapest bei meinen neuen Freunden war reizend, die hohe Luft der Tatra hat das Weitere gewirkt, und so getraue ich mich wieder, eine Weile mitzutun: der Erde Lust, der Erde Leid zu tragen. Einen guten Anteil an der Hebung meiner Stimmung schreibe ich den Aussichten zu, die sich gerade in Budapest für die Entwicklung unserer Sache ergeben haben. Wir werden materiell mächtig werden, unsere Zeitschriften

  • S.

    unterhalten und ausbauen können, Einfluß üben, die bisherige Bettelhaftigkeit wird ein Ende haben. Der Mann, dem wir dies verdanken sollen, ist nicht einfach ein Reicher, sondern auch ein ehrlich strebender, geistig hochstehender, an der Analyse stark interessierter Mann, also so einer, den man erfinden müßte, wenn er nicht schon existierte. Treulosigkeit ist bei ihm ausgeschlossen. Er ist Dr. phil., aber Bierbrauer, und ich glaube Jacobsen in Kopenhagen ist in jungen Tagen sein Vorbild geworden. Ich glaube, Sachs hat Ihnen bereits einiges über Dr. v. Freund, den ich hier beschreibe, mitgeteilt. Mehreres werde ich Ihnen mündlich zu erzählen haben. Es ist vorauszusehen, daß Budapest nun die Zentrale unserer Bewegung werden wird. Zwei meiner Söhne sind hier in unserer Nähe in der Tatra, vom dritten keine schlechten Nachrichten. Herzliche Grüße für Sie und die Ihrigen von Ihrem Freud