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S.
Wien, IX., Berggasse 19
16. 2. 08Sehr geehrter Herr College
Nach Ablauf einer etwas stürmischen Zeit und ungefährer Herstellung der häuslichen Patienten komme ich an einem friedlichen Sonntag dazu, Ihren Bericht vom 29. 1. zu beantworten.
Die Nachricht, daß Sie mit dem Beginn der Praxis zufrieden sind, war mir nicht überraschend, aber erfreulich wie jede Bestätigung einer Überzeugung. Sie in Salzburg wiederzusehen, lasse ich mir gerne gefallen. Ihre Absicht, die Libido in den Vordergrund zu rücken, hat natürlich meine volle Zustimmung. Das Referat von Juliusburger, respektive seinen Vortrag selbst, habe ich nicht erhalten und nehme es gerne an, daß Sie ihn veranlassen, es mir zu schicken.
In Betreff der Frage nach der Reduzierbarkeit der Angst bei der Angstneurose werden Sie in dem neuen Buch von Stekel über die Angsthysterie (im April zu erwarten) volle Auskunft finden. Ich stehe eigentlich noch auf dem alten Zustand als theoretisch unanfechtbar, sehe aber ein, daß reine Fälle von Angstneurose große Seltenheiten, vielleicht wiederum nur Abstraktionen sind, und daß die nicht geradezu typischen Phobien eine psychoanalytische Lösung gestatten und fordern. Es ist "halt" immer ein Stück Hysterie dabei. In Praxi macht es sich wohl so, daß man zuerst die aktuelle Therapie versucht und dann mit psychoanalytischer Therapie in Angriff nimmt, was sich als resistent erweist. Berechtigt ist es gewiß, -
S.
sich in jedem Fall seine eigene Meinung durch den Versuch zu bilden. Wenn man die aktuelle Therapie unterläßt oder nicht durchführen kann, so findet man freilich, daß sich die entleerten Formen immer wieder von neuem füllen, so daß man nie zu Ende kommt.
Auf Ihren wissenschaftlichen Plan haben Sie mich sehr neugierig gemacht. Wird er in Salzburg schon zur Mitteilung reif sein?
Die Sammlung, in der die Gradivastudie erschienen ist (zweites Heft: Riklin, Märchen, drittes: Jung, Inhalt der Psychose) und die sehr gerne einmal etwas von Ihnen bringen möchte, ist in den Verlag F. Deuticke übergegangen. Meine kleine Arbeit aus der neuen Zeitschrift für Sexualwissenschaft dürfte Sie erreicht haben.
Am meisten dürfte Sie von den kleinen Neuheiten - große gibt es jetzt nicht - die Veröffentlichung über "Charakter und Analerotik" interessieren, die ich Bresler für seine kleine Wochenschrift übergeben habe. Sie versucht, auf ein neues Gebiet vorzudringen und wird also Befremden genug erregen.
Mit der Reise meiner Frau ist es vorläufig nichts. Ich hoffe, daß sich Ihre kleine Familie wohl befindet und grüße Sie herzlich.
Ihr aufrichtig ergebener
Dr. Freud
Berggasse 19
Wien 1090
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