S.

       1. 1. 08
PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

Geehrter Herr College
Ich wünsche Ihnen viel Glück zu diesem Jahr, in dem Sie beginnen werden, sich eine Position in Berlin zu schaffen, und freue mich aus allen Anzeichen zu entnehmen, daß Sie die richtige Gefährtin an Ihrer Seite haben.
Zur Frage des Görlitzer Patienten. Die Eltern, brave Leute, haben mich doch nur durch ein Verschweigen zur Reise in die Anstalt bewogen. Dort erfuhr ich erst, daß er auch Stimmen halluziniert und so über den Rahmen der Hysterie-Zwangsneurose hinausgeht. Ich habe einen Anfall selbst beobachtet, er ist ungemein instruktiv, indem er einen Coitus darstellt, vielmehr sein Wüten über einen solchen von ihm beobachteten Coitus (offenbar der Eltern). Sein Spucken ist Sperma-Ejakulation. Das Ganze

 

Das Faksimile der Seite 2 fehlt. 
Transkription Ernst Falzeder

ist sehr durchsichtig; tragisch für sein Schicksal und höchst interessant für unsere Auffassung ist die organische Begleitung und Begründung seiner Sexualablehnung: der Infantilismus seiner Genitalien. Dieses letzteren wegen habe ich den Eltern so wenig Hoffnung auf Herstellung gegeben; sie werden indes mit Besserungen sehr zufrieden sein. Daß man den Fall als Dementia Praecox <<bezeichnen>> muß, ist wohl un- [S. 30] zweifelhaft; aber die Verwandtschaft dieser mit Hysterie und Zwangsneurose tritt wohl auch unleugbar hervor.
Ich bin recht begierig auf Ihre weiteren Mitteilungen, ob die junge Frau zu Ihnen gekommen ist und vieles andere.
Die Meinigen danken für Ihren Gruß und besonders für den Ihrer Frau.

Ihr sehr ergebener 
Dr. Freud