• S.

      21. 10. 12
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Ihr Brief ist längst bei Deuticke, ich selbst bin einige Tage an der Beantwortung gehindert gewesen; ich weiß auch warum. Mit dem Amerikaner ist schwer etwas anzufangen, frech ist der Kerl auch noch. Sie könnten sich auf Ihre angebliche Beteiligung am Unglück der Atlantic (sie hieß aber anders!) berufen, am Ende werden Sie nachgeben müssen.
    Meine beste Teilnahme an dem Unglücksfall in Ihrer Familie; Ihre liebe Frau hat hoffentlich sich zum Trost den Vorzug eines raschen Sterbens anerkannt.
    Ihr Amenhotep gefällt mir in der neuen Bearbeitung sehr viel besser, er ist eine Zierde unserer Imago, die weiterhin auf Sie rechnet.
    Von einem Ausbleiben der Ejakulation als psychische Störung habe ich bei mehreren meiner Fälle gehört, aber die Störung war zur Zeit der Analyse bereits vorüber und hatte einer gewöhnlichen Anästhesie bei vortrefflicher motorischer Potenz Platz gemacht. Fälle wie die Ihrigen habe ich nicht behandelt.

  • S.

    Nun zu dem, was mich drückt. Es ist mir peinlich zu denken, daß wir uns darum so gut verstehen sollten, weil wir so selten zusammen kommen. (Mit Ferenczi geht es übrigens ebenso gut trotz häufiger Gemeinschaft.) Nun würde ich Ihr Anerbieten, nach Wien zu kommen, bereitwilligst annehmen, wenn nicht die Ihnen bekannte Verlobung meiner Tochter mit dem jungen Hamburger gerade die Zeit, die Sie im Auge haben, beeinträchtigen würde. Um Weihnachten erwarten wir seinen Besuch vor der auf Februar festgesetzten Verheiratung. Es ist nun wieder ein Trost dabei, daß ich jetzt gewiß wenigstens einmal im Jahr nach Hamburg reisen werde, um das Kind zu sehen, und dabei habe ich den schönsten Anlaß, Sie in Berlin aufzusuchen.
    Ich bin jetzt in tiefster Arbeit, mit der Fortsetzung der "Übereinstimmungen" und mit technischen Aufsätzen fürs Zentralblatt beschäftigt. Das "Tabu" wird Sie bald als Sonder-Abdruck begrüßen. Die politischen Sorgen geben auch viel zu schaffen, ich nehme sie aber kühl. Jones, dessen Freundin ich jetzt behandle - er selbst ist in Italien - hat sich in letzter Zeit persönlich sehr attachiert.
    Ich grüße Sie und Ihr ganzes Haus herzlich
           Ihr getreuer Freud