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S.
31. Okt. 14
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Ein erfrischender Hauch weht aus Ihrem
Brief. Wir freuen uns gegenwärtig
des Dreibundes, der uns durch die
Entscheidung der Türkei neu geworden
ist. Sonst erfahren wir ja wohl aus den
Zeitungen das nämliche.
Ihre kleine Arbeit ist willkommen
gewesen; eine Korrektur meines
nächsten Aufsatzes für die Zeitschrift
ist unterwegs für Sie. Ich arbeite wieder
intensiv an der großen Krankengeschichte,
in der mich breit in die Diskussion
gehen lasse. Ich merke, daß ich nur
darum in den letzten Jahren so knappen
Stil geschrieben habe, weil ich so wenig
Zeit hatte. (!) Wie werde ich Ihnen
die Arbeit, wenn sie fertig ist, zustellen?
Sie müßten nach Wien kommen, sie
zu holen, oder ich wieder nach Berlin,
wenn Sie, wie ich hoffe, dort bleiben.
Ich bin sonst sehr wenig beschäftigt,
konnte es nicht über 2 Patienten
bringen, es dürfte im weiteren
Verlauf eher weniger als
mehr werden. -
S.
Von Frau Hirschfeld kann ich Ihnen berichten,
daß sie mit ihrem Mann in Nassau – ge-
fangen sitzt als Engländerin. Es wird
nicht sehr drückend für sie sein; im Ge-
genteil, sie wird sich freuen, jetzt von
Staats wegen bewacht zu werden. Sie ist ja
auch ein Opfer englischer Falschheit.
Ich habe überhaupt bemerkt, daß
die Zwangsmenschen sich jetzt im Krieg
wohler fühlen, wir sind auf ihr Niveau
herabgestiegen.
Venez. ist ein böser Fall; Sie sind sein fünfter
Arzt: Sadger, ich, Reitler, Tausk. Er
ist rätselhaft, wahrscheinlich ein mauvais
sujet, nichts mit ihm zu machen bisher.
Mein Sohn Martin geht am 8. Nov zurück,
von Ernst sind gute Nachrichten. Meine
Kleine beschäftigt sich intensiv in
Kinderhort u Volksküche u setzt dabei
ihr Latein fort.
Von Pfister war ein köstlicher Aufsatz
über Adler, den Sie gewiß auch er-
halten haben. Er glossiert einfach
meine Bemerkungen über ihn,
bringt es aber zustande, eine heil-
lose Lobpreisung aus demselben
Material zu machen, was einem
anderen zu einer Vernichtung -
S.
gedient hätte. Ich habe bisher
nicht gewußt, daß man sich
durch Einseitigkeit und
Verbohrtheit solche Ver-
dienste um die Wissen-
schaft erwerben kann.
Binswanger hat eine
gute Arbeit über Jaspers
und die ψA geschickt, macht
auch zuviel aus Jaspers
Ein Italiener Levi Bian-
chini, Dozent in Neapel,
beteiligt am „Manicomio“,
beabsichtigt eine internat.
psychiat. Bibliothek in
ital. Sprache mit der
Übersetzg der 5 Vorlesungen
zu beginnen. Vielleicht
habe ich Ihnen schon davon
geschrieben. -
S.
Ferenczi ist – auch das habe ich
vielleicht schon geschrieben –
nach Pápa in Ungarn
zum Lokaldienst bei einem
Husarenregiment ein-
gerückt. Eitingon schrieb
zuletzt aus Igló (Ungarn).
Fer.’s Adresse ist Hotel Griff.
Jetzt bin ich mit meinen
Neuigkeiten fertig.
Ich grüße Sie herzlich
u hoffe, daß Ihre Frau
u Kinder wohl sind, wovon
Sie diesmal nichts erwähnt
haben.
Ihr getreuer
Freud
Reik nur einmal am Mittwoch
gesehen.
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Rankestraße 24
Berlin 10789
Germany
C14F27