• S.

    INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR     
    ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE
    HERAUSGEGEBEN VON PROFESSOR DR SIGM. FREUD

    Wien, am 30. Dez. 1914

    Lieber Freund
    Es tut mir sehr leid zu hören, daß Sie noch
    nicht wohl sind und daß nun Ihre Frau ähnliches
    durchmacht. Es sind Zeiten, in denen man
    mindestens gesund sein sollte. Bei uns ist die
    Hausepidemie erloschen, aber Ernst liegt
    in Klagenfurt mit einer schweren Angina,
    von der er sich gewiß nur langsam erholen
    wird. Man kann natürlich nichts für ihn tun.
    Nach seinem heutigen Brief ist er, obwohl
    fiebernd, wieder in der Kaserne.
    Ohnmacht u Armseligkeit waren mir immer
    am verhaßtesten, u ich fürchte, wir gehen
    jetzt beiden entgegen.
    Von Deuticke habe ich erfahren, daß er 1915
    durchaus kein Jahrbuch herausgeben will,
    da er 1914 noch nicht versenden konnte.
    Er sagt, es ist alles verriegelt, u beruft
    sich auf das Beispiel namhafter deutscher
    Verleger, die einfach über Kriegsdauer
    ihren ganzen Betrieb eingestellt haben.
    Ich dachte mir so etwas, als ich Ihre Absichten
    in Ihrem vorletzten Brief erfuhr.

  • S.

    Von Heller wissen wir noch nichts, haben aber
    auch nichts anderes zu erwarten.
    Wenn Sie herkommen – es freut mich, daß Sie
    es nicht aufgegeben haben – können Sie
    allerdings noch ausführlich mit D. sprechen.
    Auf diese schöne Gelegenheit will ich die
    Berichte über Ranks Homerfunde ver-
    schieben. Meine eigene Arbeit ruht.
    Ich bin nicht über gewisse Schwierigkeiten
    hinausgekommen, und meine Stimmung
    hat zur Folge, daß mir auch die bisherigen
    Funde nicht mehr so gut gefallen. Infolge
    dieser Entfremdung bin ich oft recht ratlos,
    was mit mir anzufangen. Die nächsten
    Rezepte sind natürlich die jetzt allgemein
    empfohlenen: Abwarten u durchhalten.
    Von der Spielrein hatte ich heute einen
    freundlichen Brief aus Zürich; Eitingon
    ist wieder in Igló in Ungarn; Jones schreibt
    unermüdlich im alten Ton; ob ihn meine
    Antworten erreichen, weiß ich nicht.
    Die Sexualtheorie werden Sie vielleicht
    früher als diesen Brief erhalten.
    Indem ich Ihnen allen dringend
    rasche Genesung wünsche,
    Ihr
    herzlich ergebener
    Freud