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[Briefkopf Wien] 11. 11. 1917 Lieber Freund Eine gewisse Abhaltung, Ihren Brief zu beantworten, habe ich heute überwinden können, denn eben kam die erste Nachricht von Martin seit der Offensive (23/X), daß es ihm gut geht. Ernst ist noch bei uns, Oli baut an einer Brücke über den Dnjester. Ich habe sehr viel zu tun, acht bis neun Analysen täglich und einige Reserven, bin sehr zufrieden, auf diese Art dem Grübeln und Sorgen zu entgehen. Es ist noch immer sehr interessant. Man altert aber rasch dabei und gelegentlich regen sich Zweifel, ob man das Ende des Krieges erleben wird, ob ich Sie noch wiedersehen werde u.s.w. Während der Kriegsdauer ist das Reisen nach Deutschland so gut wie ausgeschlossen. Der nächste Schlag, den ich erwarte, ist die Einstellung unserer Zeitschriften, mit der Heller zwar nicht droht, die aber bei Fortdauer des Krieges unvermeidlich werden dürfte. Ich benehme mich wenigstens so, als stünde das Ende aller Dinge bevor, und habe auch in den letzten Tagen zwei Arbeiten aus der »metapsychologischen« Reihe (Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre, Trauer und Melancholie) zur Publikation in der Zeitschrift
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hergerichtet. Ich wollte diese und andere Aufsätze ursprünglich mit den bereits gedruckten (Triebe und Triebschicksale, Verdrängung, Unbewußtes) als Buch erscheinen lassen. Es ist aber nicht die Zeit dazu. Recht wäre es auch, wenn Ihr angekündigtes Referat über die »Vorlesungen« noch vor diesem zu erwartenden Weltuntergang das Licht der Welt erblicken könnte. Mit der Einstellung der Zeitschriften ist unsere Rolle zunächst ausgespielt. Sie sehen, ich glaube nicht, daß die Ereignisse in Rußland und Italien uns den Frieden bringen werden. Ich meine, man soll die Versicherungen der Engländer über ihre Absichten ernst nehmen und sich auch eingestehen, daß der Ubootkrieg sein Ziel nicht erreicht hat. Die Zukunft ist dann ziemlich dunkel für uns. Was Sie von Bleulers Äußerung schreiben, zeigt wieder, wie schwer es ist, den Leuten etwas recht zu machen. Ich hoffe, Sie haben nicht den Eindruck bekommen, daß ich abgeschwächt oder zurückgenommen habe. Von der Fließschen Arbeit habe ich gehört; es wird aber zu unsicher sein, sie zu schicken, wenn Sie nicht gerade zwei Exemplare besitzen. Ich werde sie hier aufzutreiben suchen.
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Ich habe Ihnen also wirklich nicht von der Lamarck-Idee geschrieben? Das ist zwischen Ferenczi und mir entstanden, aber keiner von uns hat jetzt Zeit und Stimmung, sie auszuführen. Die Absicht ist, L. ganz auf unseren Boden zu stellen und zu zeigen, daß sein »Bedürfnis«, welches die Organe schafft und umschafft, nichts anderes ist als die Macht der unbewußten Vorstellung über den eigenen Körper, wovon wir die Reste bei der Hysterie sehen, kurz die »Allmacht der Gedanken«. Die Zweckmäßigkeit wäre dann wirklich psychoanalytisch erklärt; es wäre die Vollendung der Psychoanalyse. Zwei große Prin-
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zipien der Veränderung (des Fortschritts) würden sich herausstellen, die durch Anpassung des eigenen Körpers und die spätere durch Umbildung der Außenwelt (autoplastisch und heteroplastisch) u.s.w. Ich weiß jetzt auch nicht, ob ich Sie auf eine Schrift von Groddeck in Baden-Baden aufmerksam gemacht habe (Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer Leiden, S. Hirzel 1917). Der Aufsatz von der Lou Andreas in [der] Zeitschrift für Sexualwissenschaft wird Ihnen nicht entga gen sein. Voll von Feinheiten, aber kaum für die Leute verständ- lich. Genug für heute; ich grüße Sie und die Ihrigen herzlich Ihr Freud Poveretto Casimiro!
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F1