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S.
1. 1. 13
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Was
wir in Wien an Gastfreundschaft
leisten können, u was speziell ich thun
kann, ist ja so wenig.
Nun nehmen Sie meine herzlichen Wünsche
zum neuen Jahr, das gewiß nicht leicht
für uns werden wird. Das abgelaufene
hat noch am letzten Tag etwas Hübsches
geleistet, einen Brief von Fr. Kraus,
aus dem ich ersehe, daß er Sie zu sich
beschieden hat u daß er Ihrer Sache
gar nicht abgeneigt ist. Er rechnet
noch auf die „Billigkeit von Bonhoeffer“
u bestätigt, daß Sie, selbst bei den
Gegnern, einen guten Namen haben.
Der Brief war sehr anständig, für
einen, der bald Geheimrat sein wird,
ungewöhnlich. Sie lassen mich doch
wissen, wie es sich weiter entwickelt
hat.
Stekel soll am 6/1 in Berlin Vortrag
halten. Die Stöcker hat, wie ich Ihnen
erzählte, sich vor mir mit der damals
verzeihlichen Unkenntnis der Sachlage -
S.
entschuldigt u gemeint, es ließe sich jetzt nichts
machen. Das mag ja sein, aber er sollte
doch spüren, daß er den Ruf einem
Anachronismus verdankt, u sich in seinen
Produktionen einigermaßen gehemmt
fühlen. Er wird erstens über die An-
lässe seines Austrittes unverschämt
lügen, darauf habe ich die Stöcker schon
vorbereitet. Zweitens wird er offenbar,
da er jetzt dort in Sold ist, Adlerismus
predigen, u die Höflichkeit braucht doch
nicht so weit zu gehen, daß man alles
bejubelt, was er sagt. Er soll an die
Wandlung der Voraussetzungen
gemahnt werden. Sprechen Sie also
noch einmal mit der Stöcker und
denken Sie daran, wie ihm in seiner
Gottähnlichkeit bange werden kann.
Verzeihen Sie die garstige Affaire,
die Politik verdirbt den Charakter.
Herzlich
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Rankestraße 24
Berlin 10789
Germany
C14F26