• S.

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    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund

    Dank für Ihre freundlichen Zeilen. Was
    wir in Wien an Gastfreundschaft
    leisten können, u was speziell ich thun
    kann, ist ja so wenig.
    Nun nehmen Sie meine herzlichen Wünsche
    zum neuen Jahr, das gewiß nicht leicht
    für uns werden wird. Das abgelaufene
    hat noch am letzten Tag etwas Hübsches
    geleistet, einen Brief von Fr. Kraus,
    aus dem ich ersehe, daß er Sie zu sich
    beschieden hat u daß er Ihrer Sache
    gar nicht abgeneigt ist. Er rechnet
    noch auf die „Billigkeit von Bonhoeffer“
    u bestätigt, daß Sie, selbst bei den
    Gegnern, einen guten Namen haben.
    Der Brief war sehr anständig, für
    einen, der bald Geheimrat sein wird,
    ungewöhnlich. Sie lassen mich doch
    wissen, wie es sich weiter entwickelt
    hat.
    Stekel soll am 6/1 in Berlin Vortrag
    halten. Die Stöcker hat, wie ich Ihnen
    erzählte, sich vor mir mit der damals
    verzeihlichen Unkenntnis der Sachlage      

  • S.

    entschuldigt u gemeint, es ließe sich jetzt nichts
    machen. Das mag ja sein, aber er sollte
    doch spüren, daß er den Ruf einem
    Anachronismus verdankt, u sich in seinen
    Produktionen einigermaßen gehemmt
    fühlen. Er wird erstens über die An-
    lässe seines Austrittes unverschämt
    lügen, darauf habe ich die Stöcker schon
    vorbereitet. Zweitens wird er offenbar,
    da er jetzt dort in Sold ist, Adlerismus
    predigen, u die Höflichkeit braucht doch
    nicht so weit zu gehen, daß man alles
    bejubelt, was er sagt. Er soll an die
    Wandlung der Voraussetzungen
    gemahnt werden. Sprechen Sie also
    noch einmal mit der Stöcker und
    denken Sie daran, wie ihm in seiner
    Gottähnlichkeit bange werden kann.
    Verzeihen Sie die garstige Affaire,
    die Politik verdirbt den Charakter.
    Herzlich
    Ihr Freud