• S.

           11. Okt. 08
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Herr Kollege
    Ich danke Ihnen dafür, daß Sie alles im letzten Brief Berührte so liebenswürdig aufnahmen, aber ich will Ihnen nicht zuviel Selbstbedrückung zumuten und lieber konstatieren, daß Sie bei mir etwas guthaben, was dereinst getilgt werden soll. 
    Sie wissen, ich hatte es zwischen Ihnen beiden nicht leicht. Ich will keinen von Ihnen entbehren und kann doch eigentlich keinen wissen lassen, wie lieb mir der andere ist. Sie erleichtern es mir sehr, wenn Sie sich beide miteinander befreunden oder wenigstens gut vertragen. Gerade, daß ich mich mit Ihnen (und ebenso mit Kollegen Ferenczi aus Budapest) am leichtesten verständige, mahnt mich, der Rassenvorliebe nicht zuviel einzuräumen und den mir im Grunde fremderen Arier darob nicht zu vernachlässigen. Von beiden verlange ich ja nicht, daß Sie meiner Person, sondern der bedeutsamen Sache Opfer bringen.
    "Traum und Mythus" sind nun auf dem Wege, dieser Sache zu dienen. Wir werden hören, was die Leute dazu sagen. Mit der Deutung der Sintflutsagen haben Sie natürlich recht, aber Sie konnten das Ganze nicht durchschauen, weil Sie nicht auf dem gehörigen Weg dazu gekommen sind. Dieser Weg führt über die Mythen "von der Geburt des Helden" (Aussetzung: Romulus, Cyrus, Moses etc.), die Herr Rank im nächsten Heft behandeln wird. Es sind die nämlichen Motive hier und dort.

  • S.

    Ich bin ganz zufrieden damit, daß sich die Deutung der Sintflutsagen für diesen Zusammenhang aufgespart hat.
    Freitag abends waren - Ihr Chef und seine Frau bei mir zu Gast. Sie waren sehr liebenswürdig, soweit seine Unzulänglichkeit und ihre Affektation es zuließen. Er hatte "Traum und Mythus" noch nicht gelesen. Sie versuchten beide einen Sturm auf mich, ich solle nicht von "Sexualität" reden, sondern einen anderen Namen für das wählen, was sich mit Sexualität im populären Sinn doch nicht deckt. Aller Widerstand und alle Mißverständnisse würden dann aufhören. Ich antwortete, daß ich von solchen Hausmittelchen nichts erwartete; übrigens wußten sie mir den anderen Namen auch nicht zu nennen.
    Wissenschaftliche Neuheiten gibt es noch wenig. Die zweite Auflage der Traumdeutung ist fertig, wird im November ans Licht treten. In irgend einer Form wird auch das "Bruchstück einer Hysterie-Analyse" seine Auferstehung erleben.
    Tagt Ihr kleiner Verein noch regelmäßig und wie gestaltet sich seine Tätigkeit? - Von Ihrem Vortrag höre ich doch sobald als möglich.
    Mit herzlichen Grüßen für Sie und Ihre Frau Gemahlin
           Ihr Freud