• S.

           18. X. 14
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Endlich ein Lebenszeichen von Ihnen!
    Antwerpen ist schön immerhin ein guter
    Anlaß. Hoffentlich geht es so weiter, irgendwo,
    wo wir es nicht vermuten. Auch wir
    atmen hier alle freier.
    Martin wird mit einem katarrh. Ikterus
    beurlaubt hier erwartet. Vor 8 Tagen
    ist Ernst als E.freiwilliger zur Artillerie
    nach Klagenfurt abgegangen. Er war
    in diesem Jahr 4mal zurückgestellt
    worden, bei der allgem. Überprüfung
    aber genommen u hat dann sein Freiwilligen-
    recht geltend gemacht. Mein dritter Sohn
    Oliver kommt nicht daran, er vermißt jetzt
    Terrain für Barackenbauten.
    Das Heft der Zeitschrift mit Ihrem Korrespblatt
    ist erschienen, leider hat der Hauskorrektor
    der Druckerei es arg vernachlässigt. Ein
    Heft Imago wird täglich erwartet. Ich ar-
    beite an der großen und schwierigen
    Krankengeschichte für das Jahrbuch und
    an der dritten Auflage der Sexualtheorie.
    Ich habe das Flickwerk, was dabei erfor-
    derlich ist, nicht gern! Es wird niemals so
    wie etwas aus einem Zug.
    Gegenwärtig 5 1/2 Analysenstunden, fast
    nichts dauerndes dabei, nur für einige
    Wochen gesichert. Auch ist das Herz
    anderswo.

  • S.

    Heute erhielt ich über Dr. van Emden auch
    eine Karte von Jones. Es geht ihm gut, er
    hat 7 Stunden Arbeit, teilt mit, daß Eder
    abgefallen ist. Den legen wir also zu den
    übrigen. Der Kreis rückt enger zusammen.
    Binswanger hat seinen Übertritt in
    unsere Gruppe angemeldet.
    Ferenczi ist noch hier u verbringt hier seine
    Ferien, da er in Budapt nichts versäumt.
    Wir machen in diesen unfreundlichen
    Zeiten gerne Sommerpläne. Heuer soll
    das Haus in Berchtesgaden endlich
    realisiert werden. Sophie will es führen,
    das Kind und die Dienstleute beisteuern.
    Da wäre einmal Gelegenheit, eine Zeit
    lang friedlich mit den Freunden
    zusammen zu leben. Karlsbad wird ja
    zu den Extravaganzen der „guten alten
    Zeit“ gehören.
    Ich grüße Sie, Ihre liebe Frau und die
    beiden Kinder herzlich und denke
    jedesmal mit ungetrübter Befriedigg
    an die Tage bei Ihnen.
    Ihr getreuer
    Freud