• S.

           2. Nov. 11
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Auch ich zehre noch an den schönen Tagen in Weimar und sehe mich einer relativ unbefriedigenden Aktualität gegenüber. Ein großer Schaden erwächst uns daraus, daß wir hier keine psychoanalytisch geleitete Anstalt haben, an welcher ich doch alle vier Gehilfen unterbringen und neue ausbilden könnte. Aber Wien ist nicht der Boden, auf dem man irgend etwas unternehmen könnte.
    Am erfreulichsten klangen mir in Ihrem Schreiben die zahlreichen Arbeitskeime, von denen Sie etliche sogar direkt auf Weimar zurückführen. Auch ich benutze eine relative Muße, um mich in die Arbeit zu vertiefen, die ich Ihnen angedeutet habe. Die großen Ergebnisse habe ich im voraus, das Lesen und Sammeln für den Erweis ist sehr ermüdend und nimmt kein Ende in absehbarer Zeit. Etwas wie Lustgewinn kann sich erst bei der Endgestaltung ergeben, und Gott allein weiß, wann ich an diese gehen kann.

  • S.

    Um den Parallelismus noch länger festzuhalten, will ich Ihnen mitteilen, daß ich hier die Purifizierung des Vereins vollendet und dem ausgetretenen Adler seine sieben Anhänger nachgeschickt habe.Die Zahlverminderung kommt nicht in Betracht, die Arbeit wird sich jetzt viel leichter gestalten, aber ich habe doch, den einzigen Rank ausgenommen, keinen hier, an dem man eine volle Freude haben kann. Vielleicht macht sich Sachs,der zweite Redakteur der noch ungeborenen Zeitschrift. Es hat meine Stimmung nicht gehoben, daß ich von drei Seiten (eigentlich vier) her mit dem Angebot des Verlags derselben abgewiesen worden bin.
    Vielleicht läßt es sich jetzt mit unserem Mitglied Heller machen. Hirschfelds Austritt ist wirklich kein Verlust. Seine Person ist nicht einnehmend und seine Aufnahmefähigkeit scheint gleich Null zu sein. Immerhin hätte ich Ihnen in Ihrer schwierigen Stellung eher Zuwächse gewünscht. Ich werde H. einige freundliche Zeilen schreiben. Seinen Brief lege ich bei.6Ich hoffe, unsere Korrespondenz wird auch Erfreulicheres im Laufe dieses Jahres behandeln können. – Mein Zahn ist vergessen, es war ärgerlich, daß er mir in Zürich wie in Weimar soviel weggenommen hat. In der Hoffnung, daß Sie sich mit Ihrer kleinen Familie sehr wohl befinden
    Ihr herzlich ergebener
    Freud