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[Briefkopf Wien] 5. Okt. 17 Lieber Freund Ihr Brief hat mir großen, aber schmerzlichen Genuß bereitet. Wieviel hat sich verändert, seitdem wir uns zuletzt gesehen haben; nicht alles zum Guten. Wenn ich an den Moment denke, da Sie mir sagten, es sei kein Martyrium mehr, mein Schüler zu heißen. Eine dieser Veränderungen wird Ihnen auch die Beilage zeigen, wenn sie nicht in den Händen des Zensors bleibt. Wenn Sie mich bös und verdrossen finden, so wissen Sie doch warum. Csorbató war wunderschön, aber es sind morgen fünf Wochen, daß wir in Wien sind. Wir haben uns beeilt, weil unser Ernst vom Isonzo als Patient nach Wien gekommen ist. Er hat damit die 11. Schlacht versäumt. Sein Leiden ist eine Wiederkehr seiner früheren auf Ulcus bezogenen Magenbeschwerden; es wird aber wohl eher auf Gallenblase hinausgehen. Gegenwärtig ist er mit einem Urlaub, nach dessen Verlängerung er strebt, im Hause, heiter und der Pause froh. Er hat es eben nicht länger ausgehalten. Martin ist dafür jetzt in derselben Gegend, Oli in Krakau und vielleicht nach einigen Wochen gleichfalls dort drunten.
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Ich habe nach wenigen Tagen viel Arbeit bekommen und arbeite jetzt mit neun Patienten acht bis neun Stunden täglich. Es amüsiert mich und hat mir sonderbarerweise gesundheitlich sehr wohl getan, wobei die Sicherheit, den sonst unvermeidlichen Bankerott zu strecken, wesentlich mittut. Es ist jetzt dieselbe Einnahme wie vor dem Krieg, aber der Geldwert hat sich sehr verändert. Die Arbeiten – ich hatte einige Kleinigkeiten im Zug – werden nur für kurze Zeit hinausgeschoben. Ihr Lob der Vorlesungen hat mich ungemein erfreut, obwohl mein Urteil darüber nicht mit dem Ihrigen geht. Ich hoffe, Sie finden noch die großen Mängel und lassen sie in Ihrem Referat nicht unerwähnt. Ferenczi arbeitet fleißig in Budapest und ist nahe daran, seinen 15 Jahre alten Herzensroman zu gutem Ende zu führen. Reik ist wirklich in Montenegro. Eitingon war auf der Rückreise von Karlsbad einige Stunden in Wien unser Gast. Von Frau Dr. Horney hatte ich unlängst einen guten und warmen Brief. Sie scheint wertvoll. Meine innere Sicherheit gegen Jung und Adler hat sehr zugenommen. Von den Holländern treffen gelegentlich Briefe ein. Ophuijsen ist ganz bei uns. Sie werden nächstens in der Zeitschrift eine Arbeit von ihm über den Männlichkeitskomplex der Frau lesen. Renterghem übersetzt die Vorlesungen, Emden
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ist ebenso treu und ebenso schwerfällig wie immer. Tausk und Ferenczi wollen zu Ihrem Aufsatz über die Ejaculatio praecox Bemerkungen machen. Den Beitrag von T. habe ich heute erhalten, er stimmt nicht ganz mit Ihnen überein, ist aber recht interessant. Wir haben jetzt für beide Periodika reichlich Material, kommen aber mit dem Druck nicht nach. Jones hat vor einigen Wochen in echt englischer Art geschrieben: Der Widerstand der Deutschen sei doch zu stark, der Krieg werde also noch einige Jahre dauern müssen. Da ich Ihnen so selten schreibe, weiß ich nicht, ob ich Ihnen
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bereits von der Lamarck-Arbeit Mitteilung gemacht, deren wesentlicher Inhalt sein soll, daß auch die »Allmacht der Gedanken« einmal Realität war. Ich weiß nicht, wo Sie dieser Brief treffen wird. Hoffentlich erreicht er Sie und bringt mir bald eine Antwort so erfreulich, wie sie eben heute zu haben ist. Mit herzlichem Gruß für Sie und Ihre liebe Frau Ihr alter Freud P.S. Ein Verschreiben aus einem Brief (Martins) während der Isonzoschlacht: »Den Schußsatz Deines Briefes habe ich nicht verstanden.«
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