• S.

     27. 4. 09
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Herr Kollege
    Es hat mich sehr gefreut, nach längerer Unterbrechung einen Brief von Ihnen zu lesen. Die Beantwortung hat sich dann durch allerlei Störungen hinausgezogen wie Augenkatarrh, neuerliche Erkrankung meiner Toch- [S. 85] ter, die zur Operation, aber hoffentlich auch zur endgültigen Erledigung geführt hat. Es geht ihr bereits vortrefflich.
    Ich will im vorhinein bemerken, daß alles, was Sie mir als diskret mitteilen, auch diskret behandelt wird, insbesondere: Personalia. Das Übergewicht der Züricher Schule, zu der ja auch Sie gehören, gebe ich bereitwillig zu. Zu dem von Jung behandelten Problem möchte ich Ähnliches bemerken wie Sie. Ich hielt bisher den gleichgeschlechtlichen Teil für den für die Person bedeutsameren; kann mich aber auch für eine größere individuelle Mannigfaltigkeit einrichten. Jung hat, aber das sehr wirksam, ein Stück aus dem Ensemble herausgegriffen.
    Meine Amerikareise geht am 21. August von Triest aus, erst die Rückreise wird über Hamburg und Berlin führen und mir ein kurzes Wiedersehen mit Ihnen bringen

  • S.

    Mit den Berlinern ist wirklich nichts zu machen, wenn sie sich nicht einmal darüber ärgern.
    Von Besuchen sahen wir Jung und Frau hier Ende März und Dr. Pfister in diesen letzten Tagen. Eine halbe Stunde vor ihm war Moll da, mit dem es bös ausging. Es kam zu harten Worten, und er ist mit sehr viel rasch sezerniertem Gift plötzlich weggegangen. Ich hatte fast den Eindruck, daß er meine, uns zu patronisieren, da ließ ich mich ein wenig gehen. Wahrscheinlich werden Sie nun die Reaktion davon verspüren. Kein Unglück.
    Ich soll jetzt die dritte Auflage des Alltagslebens vorbereiten, komme aber vor ärztlicher Arbeit zu nichts. Auch mein Befinden hat in diesen Monaten manches zu wünschen gelassen. Es ist vielleicht ganz gut, wenn ihr jungen Leute euch der Sacher ordentlich annehmt. - Das Heft von Rank wird Sie wegen seines mythologischen Inhalts besonders interessiert haben, ich möchte gerne hören, was Sie darüber schreiben. Die Fehler in der Traumdeutung, die sich darauf beziehen, sind bereits aufgeklärt, ich habe aber die Erklärung wieder vergessen! Nur, daß es keine besondere Rancune gegen Rank war!
    Herzlichen Gruß von
           Ihrem Freud