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[Briefkopf Wien] 10. XII. 17 Lieber Freund Ich benutze die Muße eines Sonntags, um Ihren Brief vom 2. d.M. zu beantworten (und friere dabei so, daß ich mich zu 7. Monat verschrieben habe). Man hat auf der Straße eben den Waf- fenstillstand mit Rußland ausgerufen, und wenn man nicht schon so stumpf wäre, müßte man sich freuen, daß man das Ende des halben Krieges überlebt hat. Ihren Vorschlag hat mir Sachs mitgeteilt. Er ist unausführbar, weil er Deuticke einschließt, der seit Kriegsbeginn alles sistiert hat, übrigens schwer krank und wegen der Unterbringung der Vorlesungen bei Heller böse ist. Unterdes ist die Befürchtung rasch real geworden. Das letzte Heft (2) der Imago, das längst gedruckt ist, kann nicht ausgegeben werden, weil kein Umschlagpapier zu haben ist, und Prochaska hat schon erklärt, daß er für den »Künstler« von Rank, den Heller in zweiter Auflage bringen will, kein Papier hat. Offiziell ist die Einstellung noch nicht, vielleicht schleppen wir es noch eine Weile fort. Sachs hofft noch die Schande
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zu vermeiden, daß wir vor dem letzten Heft der Zeitschrift (Nr. 6) stecken bleiben und den Jahrgang nicht vollenden. In diese Nummer wollte ich die zwei Aufsätze aus der Metapsychologie bringen, von denen ich Ihnen bereits geschrieben habe. Vom Lamarck sagte ich Ihnen gerne mehr, aber es müßte auf einem Spaziergang sein. Mit dem Schreiben bin ich wie mit vielem anderen gründlich verfeindet. Zu diesem anderen gehört auch Ihr liebes deutsches Vaterland. Ich kann mir kaum vorstellen, daß ich, wenn die physische Möglichkeit wieder da ist, je nach dorthin reise. Im Kampfe zwischen Entente und Vierbund habe ich definitiv den Standpunkt von Heines Donna Blanca in der Disputation zu Toledo gewonnen: »Doch es will mich schier bedünken . . . . .[«] Eigentlich freut mich jetzt nur die Einnahme von Jerusalem und das Experiment der Engländer mit dem auserwählten Volke. Ich bin sehr viel beschäftigt und kann mich sechs Tage lang je neun Stunden in Geduld und Überlegenheit üben. Am siebenten pflegen beide nachzugeben. Mit herzlichem Gruß für Sie und Ihr Haus Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F1