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29. 9. 08
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Herr Kollege
Heute früh vom Gardasee hier eingetroffen, will ich Ihnen trotz Reisemüdigkeit sogleich schreiben, da ich eine Anfrage von Ihnen vorgefunden und einiges an Ihnen gutzumachen habe.
Zuerst vom Geschäftlichen. Ich konnte Ihnen von Zürich aus nicht schreiben; ich war bis zum späten Abend nicht allein; wir spazierten und debattierten bis 8 Stunden täglich. Ich trage also nach: Der erste Halbband soll außer meiner Arbeit, der Analyse von Binswanger und Ihrem Referat nur noch kleine Referate bringen. Die gegnerischen Arbeiten sollen besonders gehalten und kurz abgefertigt werden. Direkt werden Sie alles erfahren, was Sie wünschen. Ich halte es für überflüssig, daß Sie mir Ihr Referat schicken, es sei denn, daß Sie es selbst wegen dieses oder jenes Punktes wünschen, Es kann dann auch in der Korrektur geschehen.
Zum Wesentlichen! Ich freue mich, daß Sie nur teilweise recht gesehen haben, nämlich nur betreffs Bleuler. Was Jung anbelangt, so hat er seine Schwankung überwunden, gehört der Sache rückhaltlos an, und wird auch an der Dementia Praecox-Frage energisch in unserem Sinne weiter arbeiten. Das ist mir höchst erwünscht, und ich hoffe, daß es auch Sie erfreuen wird. Mit Bleuler wird es nichts werden, sein Abfall steht nahe bevor, das Verhältnis zwischen Bleuler und Jung ist bis zum Zerreißen gespannt. Jung gibt die Assistentenstelle auf, bleibt aber Leiter des Laboratoriums und wird ganz unabhängig von Bleuler arbeiten.
Es war mir nun eine große Genugtuung, daß Jung es mir nicht schwer gemacht hat, der Aussöhnung mit -
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Ihnen, die ich erzielen möchte, vorzuarbeiten. Seine große Achtung für Ihre wissenschaftliche Leistung kam da zur Hilfe. Er hat mir nur in Andeutungen gesprochen, aber ich konnte entnehmen, daß er bedauert, wenn Sie sich Gedanken über ihn gemacht haben, die der Wirklichkeit nicht entsprechen, und zu denen Ihnen die Anlässe von anderer Seite kamen. Ich will nicht zwischen Ihnen stehen, aber ich hoffe nun, daß Sie im direkten Verkehr bald wieder den freundschaftlich kollegialen Ton finden werden, der der Mitarbeiterschaft und der gegenseitigen Achtung allein entspricht. So bin ich denn um diese wertvolle Erwartung reicher von Burghölzli gegangen.
Nun mein Vergehen gegen Sie. Ich war wirklich 24 Stunden im Berlin und habe Sie nicht aufgesucht. Ich konnte nicht, denn ich kam mit meinem alten Bruder, und zwischen den beiden Lagern von lieben Verwandten habe ich von Berlin so wenig gesehen wie von Ihnen. Ich gestehe Ihnen aus gewissen Motiven gerne, daß Jung es unbegreiflich fand - nachträglich weiß ich auch nicht, wie der Tag vergangen ist. Ich erinnere mich nur, daß ich das Hotel vor 11 h a. m. nicht verlassen konnte und daß um 11 h abends mein Zug abging, sodaß aus den 24 Stunden - 12 werden. Ich weiß aber jetzt, daß ich bald wieder der Geschwister wegen nach Berlin kommen werde, und hoffe, bis dahin werden Sie mir den Anschein von Unfreundlichkeit verziehen haben.
Ich kann Sie heute nur noch herzlich grüßen
Ihr aufrichtig ergebener
Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Schönberger Ufer 22
Berlin 10785
Germany
C14F25