• S.

    17. 5. 14.
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Ich antworte Ihnen umgehend, um Ihnen
    den Brief Riklins zurückstellen
    zu können. Selbstverständlich werden
    wir, solange wir in Macht sind, die
    Brutalität Jungs nie nachahmen.
    Ich darf mich als geheilt von meiner
    letzten Attacke betrachten. Wenn man
    noch einige Monate in der Produktion
    pausiert, ist es vielleicht kein Unglück.
    Die Ferien gedenke ich heuer am 19. Juli
    zu beginnen; die Entscheidung, ob wir
    doch zuerst nach Karlsbad gehen sollen,
    wird Montag getroffen werden.
    Von Putnam wieder ein sehr gescheiter
    Aufsatz zur Verteidigung der Sexualität
    in der Trdeutung im J. of Abn. Psych,
    April-Mai 14. Nur daß er immer eine
    höllische Hochachtung für Adler
    bezeugen muß, wie sie in dem Zusam-
    menhange gar nicht einmal am
    Platze ist.
    Es wird Sie interessieren, daß wir unlängst
    entdeckt haben, daß meine Kleine
    englische Dichter sehr schön in deutsche
    Verse übersetzt. Ich habe ihr als

  • S.

    Probe einige der Hebrew Melodies von
    Byron vorgelegt u kann es nicht
    leugnen, daß mir ihre Wiedergabe
    fast besser gefiel als die von
    Gildemeister. Es ist ein ganz feines
    Tierchen.
    Was Reik betrifft, so nehme ich an, Sie
    haben längst verstanden, daß er
    nicht in wirkliche Not geraten
    darf, u wenn Sie es merken, handeln
    Sie rasch an meiner Stelle und be-
    lasten mich mit dem Aufwand. Ich
    hatte in Wien gerade mit einer regel-
    mäßigen  Subvention angefangen
    als er fortging, u vielleicht war es
    auch ein Motiv für ihn. Denn er ist
    nobel u anständig.
    Mit herzlichen Grüßen u der
    Bitte, sich keine Sorge zu machen
    Ihr getreuer
    Freud