• S.

           18. Dez. 10
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Ich freue mich, wieder von Ihnen gehört zu haben, und zwar Gutes und Vielversprechendes. Unter dem Letzteren verstehe ich Ihren Segantini, den ich gerade in den Feiertagen gerne lesen würde. Aber hetzen Sie sich nicht. Ich habe kaum Ferien, bis auf die zwei Weihnachtstage ist mir jeder Tag gleich, und nur der Sonntag ein wirklicher Feiertag. Ich könnte ihn auch nicht gleich in den Druck geben, denn dort befindet sich gegenwärtig die ins Deutsche übersetzte Hamletstudie von Jones, und als nächste habe ich eine (die erste) juridische Arbeit eines talentierten jungen Zürichers, Storfer, angenommen. Aber dann folgt natürlich Ihr Segantini möglichst rasch.
    Mit Bleuler ist eine Zusammenkunft in München verabredet, wenigstens von mir aus; von ihm habe ich noch immer keine Antwort. Er ist ein sonderbarer Kauz. Seine Apologie erwarte ich diese Woche im Jahrbuch zu lesen.
    Unser Zentralblatt möchte gerne einen schönen Beitrag von Ihnen bringen.

  • S.

    Meine eigene, eben fertig gewordene Arbeit hat sich mit dem Buch von Schreber beschäftigt und von ihm aus das Rätsel der Paranoia aufzudecken gesucht. Sie können sich denken, daß ich da den Weg gegangen bin, den Ihre Arbeit über die ’Psychosexuellen Differenzen der Hysterie und Dementia Praecox’ gezeigt hat. Als ich in Palermo diese Gedanken ausarbeitete, gefiel mir die Formel besonders gut, daß der Größenwahn die Sexualüberschätzung des Ichs sei. In Wien fand ich, daß Sie dasselbe schon sehr scharf gesagt hatten. Natürlich muß ich Sie in dieser Arbeit sehr ausgiebig plagiieren. 
    Ich glaube auch, die Differenz zwischen Dementia Praecox und eigentlicher Paranoia aufklären zu können. Gerne spräche ich wieder einmal mit Ihnen über all diese Dinge, aber der Zwang zum Verdienen kennt keinen Nachlaß.
    In Amerika geht es sehr gut. Brill hat jetzt auch die Sexualtheorie übersetzt und Putnam eine prächtige Vorrede dazugegeben. Dieser alte Mann ist überhaupt eine großartige Akquisition.
    Ich hoffe, Ihrer Frau und dem Nachwuchs geht es doch sehr gut?
    Herzliche Grüße
           Ihr Freud