• S.

           26. XI. 07
     PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Geehrter Herr College
    Ihre vortreffliche Arbeit habe ich mit Befriedigung gelesen, und nachdem ich schon früher die Berechtigung Ihres Grundgedankens anerkannt, kann ich jetzt als rühmenswert die Klarheit hervorheben, mit welcher Sie die Unterschiede in den Auffassungen der Kindertraumen, die Beziehung zwischen Lust, Schweigen und Schuldgefühl und ähnliches darstellen. Zu Ihrer Schilderung der Abnormität später neurotischer Kinder [S. 28] (quantitative Steigerung der Libido, Frühreife, Phantasiewuchern) möchte ich als wesentliches Stück die Existenz starker Verdrängungsneigung hinzufügen, sonst bekommen wir ja Lumpen und nicht Neurotiker. Der Nachweis dieses Gegensatzpaares in überstarkem Maße und entzweiter Form scheint mir das bisher letzte Ergebnis der Analyse zu sein.

  • S.

    Von Ihrem Besuch in Wien möchte ich möglichst viel haben und bitte Sie darum, einen ganzen Sonntag, an dem Sie mein Gast sein können, in Ihr Programm aufzunehmen. An Wochentagen bleibt mir kaum eine freie Stunde am Abend, und dann bin ich natürlich nicht mehr recht genießbar. Es wäre mir sehr lieb, wenn ich einige Tage vorher wüßte, zu welchem Sonntag ich Sie erwarten darf.
           Mit ergebenstem Gruß
           Ihr Dr. Freud