• S.

    6. 4. 14.
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Heute morgens hat Hitschmann telephoniert,
    der Patient aus Berlin sei ange-
    kommen. Das machte einer kleinen
    Sorge ein Ende. Ihre Manuskriptsendung
    wurde für überfällig gehalten, u
    wir wagten es nicht, uns den Fall auszu-
    malen, daß sie verunglückt wäre.
    Bei Sadger lassen Sie sich nun gar nicht stören
    u bestehen Sie auf der Ausmerzung
    von allem Ausschweifenden u Gehässigen.
    S. ist selten ohne Zensur zu ertragen,
    für Stekel Reklame machen ist auch
    wirklich überflüssig.
    „Verfolgungen“ ist der Ausdruck, den Adler
    selbst gebraucht hat, ich werde ihn nach
    Ihrem Wunsch ersetzen. Anstatt „der
    unsaubere“ Geist A. Hoche will ich: der
    „böse Geist“ einsetzen.
    Daß Sie auch den Narzißmus bei mir ab-
    nehmen, rührt mich tief u bindet uns
    noch inniger aneinander. Ich habe da
    ein sehr starkes Gefühl arger Unzu-
    länglichkeit. Ihre gewünschte Bemerkg.

  • S.

    über das Vorbeigehen an der Sublimierg
    bei der Züricher Therapie werde ich
    einschalten. Der Moses ist anonym, z. Tl.
    des Scherzes halber, zum anderen Teil
    aus Verschämtheit wegen des deutlichen
    Dilettantismus, dem man ja in den
    Imagoarbeiten schwer entgeht, endlich
    weil mein Zweifel am Resultat
    stärker ist als sonst u ich nur auf das
    Drängen der Redaktion überhaupt
    publiziert habe.
    Jungs Wahlarithmetik kann ich Ihnen
    nicht aufklären. Wien hat 16 Stimmen
    für Dresden gehabt, Budapest 3 oder 5.
    Das wäre: Berlin 18
    London 15 Vielleicht war
    Wien 16 London
    Bpest 3 / 52 nicht einhellig?
    Ich habe J. nicht geantwortet, da seine Zu-
    schrift den Charakter einer vor-
    läufigen Verständigg hatte und
    Äußerung nicht zu fordern schien.
    Ihr Urteil über die Radierung deckt sich
    mit vielen anderen Äußerungen
    hier. Ich habe ärgere und mehr enthusiast-
    ische Urteile gehört.

  • S.

    Ich bin noch immer in einer matten
    und dummen Periode. Unsere Reise nach
    Brioni, von der ich einen Schub nach
    vorwärts erwarte, mußte sich eine Ab-
    änderung gefallen lassen. Meine Kleine
    hat Keuchhusten bekommen u kann
    nicht mit. Rank fährt an ihrer Stelle.
    Daß Sie Ihre Absicht aufschieben mußten,
    tat mir wie der Anlaß dazu
    recht leid. Ich will Ihnen dafür von
    einem Sommerprojekt erzählen, das
    hier aufgetaucht ist u vielleicht auch
    für Sie in Betracht kommt. Im J.
    1907 waren wir halb August u ein
    Stück Sept in Annenheim am
    Ossiacher See, eine Station vor Villach.
    Seebad, Haus, Wald, Luft, allgemeine
    Stimmung waren so vorzüglich, daß
    wir beschlossen, sofort wiederzu-
    kommen, wenn erst der derzeitige
    Besitzer, der eine Schweinewirtschaft
    führte, abgekracht sein würde. Das
    ist nun geschehen. Der mir bekannte
    Arzt, der dorthin geht, garantiert für die
    guten Absichten des neuen Unter-
    nehmers. Wir haben nicht übel

  • S.

    Lust, den ganzen Sommer dort zu verbringen.
    Meine Schwester war früher einmal
    über den ganzen Sommer am Ossiacher
    See u hat es wirklich niemals zu heiß
    gefunden. Ihren Kindern könnte
    das warme Bad nicht weniger wohl tun
    als die See. Ich würde viel arbeiten
    u viel in den märchenhaften Wäldern
    ober dem Haus spazieren gehen.
    Ziehen Sie das Projekt jedenfalls in
    Betracht.
    Der kleine „Traum“ ist gestern in englischer
    Übersetzg von Eder erschienen.
    Sonst nichts Neues. Vielleicht eine Stille
    vor dem Sturm.
    Ich grüße Sie u Ihre liebe
    Frau herzlich u wünsche rasche
    Erledigung der erforderlichen
    Kinderkrankheiten, die, wie man
    sieht, doch besser früher als später
    abgemacht werden.
    Ihr Freud

  • S.

    Nachtrag
    Die erste Nr der Z.S. für Sexual-
    wissenschaft ist bei mir an-
    gekommen. Ich wollte meine
    Beteiligung von der Stel-
    lung zur ψA abhängig machen,
    die sich in ihr kundgibt. Das
    ist nun nicht sehr verlockend.
    Eine höchst schäbige Notiz in
    dem Aufsatz von Eulenburg
    (p. 9) u ein Referat von Saaler,
    der Stekels Arbeit über
    den Fetischismus als maß-
    gebend für den heutigen
    Stand der ψA ansieht.
    Das bestärkt mich in der
    Absicht weiterer Zurück-
    haltung.
    Die Gesellschaft ist dazu
    bestimmt, Fliess zur Aner-
    kennung zu bringen. Das

  • S.

    ist recht, denn er ist das einzige
    Ingenium unter ihnen und
    der Besitzer eines Stückes
    verkannter Wahrheit. Aber
    die Unterwerfung unserer
    ψA unter eine Fliess‘sche
    Sexualbiologie wäre kein
    geringeres Unglück als
    die unter eine Ethik, Meta-
    physik u. dgl. Sie kennen ihn,
    seine psychologische Unfähig-
    keit, seine physikalische
    Konsequenz. Das Linke =
    Weib = Ubw = Angst. Wir
    müssen auf alle Fälle
    selbständig bleiben u
    gleichberechtigt auftreten.
    Am Ende können wir
    mit allen Parallelwissen-
    schaften zusammentreffen.
    F.