• S.

           3. 7. 10.
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Herr Doktor
    Vielen Dank für die guten Nachrichten aus Ihrem kleinen, aber vielleicht durch homogene Struktur und Einigkeit besonders ausgezeichneten Kreis. In Zürich hat es wirklich Schwierigkeiten, die Bleuler zum Mittelpunkt nehmen. Sie wollen dem Verein nicht beitreten und kommen nur als Gäste zu den Sitzungen. Wie sich das auf dem nächsten Kongreß machen soll, verstehe ich nicht.
    Natürlich bin ich auch nicht sehr tief eingeweiht. Ich höre von Jung, daß Binswanger, der jetzt Obmann ist, den Dissidenten die Stange hält. Hellpachs Geschwätz wurde bald von der tiefsinnigen Leistung Hoches in [den] Schatten gestellt. Es sind doch wertvolle Zeichen von dem Unbehagen, in dem die Gegner waten. Die Referate im neuen Zentralblatt werden in allen solchen Fällen strenge sachlich, dürr und wortkarg sein, soweit mein Einfluß wenigstens reicht.
    Das Jahrbuch benimmt sich wirklich nachlässig. Das nächste Heft der Sammlung wird Pfisters Studie über den Grafen Zinzen-dorf sein.

  • S.

    Von uns persönlich ist zu sagen, daß wir alle schon sehr stadtmüde sind. Da wir auf nichts so Erfreuliches wie Sie im August zu warten haben, sehnen wir schon den 15. Juli herbei. Wir wissen aber noch gar nicht, wohin wir uns bis zum 1. August wenden werden. An diesem Tag wird unser Quartier in Noordwijk (bei Leiden) bereit sein. Mein Darm hat sich gebessert, aber für volles Wohlbefinden ist jetzt keine Zeit.
    Wenn Sie mir schreiben, bedienen Sie sich weiter der Wiener Adresse, bis ich Ihnen eine andere mitteilen kann. Vom Leonardo habe ich die erste Rezension erhalten, Havelock Ellis im Journal of Mental Science, freundlich wie immer. Er gefällt allen Freunden und wird hoffentlich den Abscheu aller Fremden erwecken.
    In diesem jetzt ablaufenden Jahr war Amerika obenan. Suchen wir jetzt etwas Erholung für die Mühen des nächsten.

              Mit vielen Glückwünschen für Ihre liebe Frau
                               Ihr herzlich grüßender

                                                Freud