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14. 6. 12.
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Vielen Dank für Ihre Geneigtheit, meine Vorschläge beim Pharao zu berücksichtigen. Die Arbeit wird hoffentlich eine Zierde der Imago werden, der es übrigens überraschend gut geht. 230 Abonnenten auf die erste Nummer hin, meist aus Deutschland. Wien ist sehr wenig daran beteiligt.
Die Ferien gönne ich Ihnen auch. Ich bin heuer leistungsfähiger gewesen als [in] frühern Jahren und suche karlsbad schon aus diesem Grunde wieder auf. September ist, wie vielleicht schon gesagt, noch ganz unbestimmt; somit unser Wiedersehen in diesem Monat keineswegs unwahrscheinlich.
Der Sprechsaal im Zentralblatt ist gewiß eine gute Institution. Marcinowski war mir sehr wenig sympathisch, hat sich aber während seiner letzten Anwesenheit hier viel erobert. Daß er nicht beitritt, ist Symptom seiner Neurose, mit welcher wohl auch die von Ihnen erkannten zensorischen Gelüste zusammenhängen. Aber ich lerne -
S.
täglich etwas mehr Toleranz und bin zufrieden, wenn ein Mensch nur einige gute Seiten hat, was bei M. gewiß der Fall ist.
Ihre Zustimmung zum letzten technischen Artikel war mir sehr wertvoll. Sie werden die kritischen Absichten wohl gemerkt haben. Gegenwärtig wäre meine intellektuelle Tätigkeit auf die Korrekturen der 4. Auflage des Alltagslebens beschränkt, wenn mir nicht plötzlich eingefallen wäre, daß die Eröffnungsszene im Lear, das Urteil des Paris, und die Kästchenwahl im Kaufmann von Venedig eigentlich auf demselben Motiv beruhen, dem ich jetzt nachspüren muß. Auch für Ihre beabsichtigten Allotria habe ich das lebhafteste Interesse. Abreise von Wien: 14. Juli.
Mit herzlichen Grüßen für Sie und Ihr ganzes Haus
Ihr ergebener
Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Rankestraße 24
Berlin 10789
Germany
C14F26