-
S.
3. 6. 12.
PROF. DR. FREUD WIEN, IX. BERGGASSE 19.Lieber Freund
Ich habe Ihre ägyptische Studie mit dem Vergnügen gelesen, das ich aus Ihrer Schreibart wie aus Ihrer Denkart jedesmal ziehe, und möchte Ihnen nur zwei Ausstellungen, respektive Vorschläge zu Abänderungen machen. Erstens findet sich bei Ihnen die Behauptung, daß wenn die Mutter besonders bedeutsam ist, der Konflikt mit dem Vater mildere Formen annimmt, für die ich selbst keinen Beweis habe und besondere Erfahrungen bei Ihnen annehmen muß. Da mir der Sachverhalt nicht einleuchtet, bitte ich Sie, die Stelle zu revidieren. Zweitens trage ich Bedenken, den König so scharf als Neurotiker hinzustellen, was mit seiner außerordentlichen Energie und Leistung scharf kontrastiert, da wir mit dem Begriff, der wissenschaftlich ungenau geworden ist, gerade die Vorstellung des Gehemmten verbinden. Diese Komplexe haben wir ja alle und müssen uns hüten, nicht alle Neurotiker zu heißen. Wenn wir uns ihrer erwehrt haben, sollten wir von dem Namen verschont bleiben. Vielleicht daß Ihre Arbeit -
S.
nichts einbüßt, wenn Sie sie als Charakterstudie bezeichnen und den Neurotiker als Vergleichsobjekt im Hintergrund lassen. Wie sicher das Beweismaterial für wirkliche neurotische Symptome bei A. IV. ist, kann ich aus meiner Literaturkenntnis nicht ermessen. Wenn Sie es haben, so zitieren Sie die Berichte doch ausführlich. In den zyklothymen Fällen sollten Sie ruhig weiter graben; man sieht ein nächstes Mal Amehr. Es ist nicht schwer zu finden, wohl aber das Gefundene richtig zu verbinden und nach seiner Schichtung zu gruppieren. Ich habe allerdings aus Ihrer, von mir so sehr geschätzten Arbeit auch den Eindruck, daß die Formel nicht gesichert und die Elemente noch nicht überzeugend verknüpft sind. Wüßte ich etwas Besseres, so würde ich vor Ihnen nicht zurückhalten, aber Sie werden von den Fällen selbst mehr erfahren. –
Ich freue mich zu hören, daß Sie mit der Tätigkeit fortdauernd zufrieden sind. Unsere Ferien fallen, wie ich merke, in ihrem Beginn zusammen. Ich gehe zunächst mit meiner Frau nach Karlsbad. Mitte August wollen wir uns mit den anderen treffen, -
S.
aber es ist ganz unbestimmt, wo. Für die Schweiz lohnt die Zeit nicht mehr. Über Pfingsten war ich zwei Tage in Konstanz als Binswangers Gast. Nach Zürich ging’s nicht mehr. Ich ruhe jetzt von ernsteren Arbeiten aus. Das Tabu wird im nächsten Heft der Imago erscheinen. Die letzte technische Arbeit haben Sie eben im Zentralblatt erhalten. Der Verein hat seine Sitzungen eingestellt. Jones wird Mitte Juni hier erwartet.
Herzlichste Grüße für Sie, Ihre liebe Frau und Kinderchen
Ihr Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
Rankestraße 24
Berlin 10789
Germany
C14F26