• S.

    13. 5. 14.
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Freund
    Vielen Dank für Ihren reichen Brief! Ich
    hatte keinen Verdacht auf einen
    „Hundebiß“. Ich war in der Zwischenzeit selbst
    wieder krank u habe überhaupt keine
    gute Zeit, als ob mich Plage und Arbeit
    endlich doch mürbe machen wollten!
    Mein letzter Anfall von Darmbeschwerden
    hat meinen Leibarzt selbst zur Vorsicht
    einer rektoskopischen Untersuchung be-
    wogen, nach welcher er mir allerdings so
    warm gratulierte, daß ich den Schluß zog,
    er habe das Karzinom für recht wahr-
    scheinlich gehalten.
    Für diesmal ist es also noch nichts. Ich muß
    weiter rackern. Unser Sommer ist noch gar
    nicht determiniert. Wenn Sie, wie Rank
    vorschlägt, den 20./21. September (Sonntag!) für den
    Kongreß durchsetzen, können wir am
    19. vorher unsere private Zusammenkunft
    haben, ich kann den Vortrag in Leiden
    etwa auf den 23. verlegen, und dann
    zu Tochter u Enkelkind nach Hamburg
    ziehen. In Holland kann meine Kleine
    aus England zu mir stoßen, für Berlin
    wird dann auch mehr als das Intervall
    zwischen zwei Zügen abfallen.

  • S.

    Ihr Versprechen nach der Dolomitentour
    lege ich unterdes fest. Vielleicht reisen wir
    mitsammen nach Dresden.
    Sie als definitiven Präsidenten zu sehen, ist
    allerdings mein persönlicher Wunsch. Ich
    weiß, was wir von Ihrer Energie, Kor-
    rektheit und Pflichttreue in angenehmstem
    Kontrast zum Herrn Vorgänger zu er-
    hoffen haben. Von anderer Seite wird geltend
    gemacht, daß die Beziehungen zu Amerika
    und die Rücksicht auf Kaptivierung der
    jungen Londoner Gruppe für Jones sprechen.
    Unter diesen Umständen möchte ich Ihnen
    allen die Entscheidung überlassen, die
    auf unserem Vorkongreß fallen soll.
    Jetzt zu entscheiden wäre wohl verfrüht.
    Wir können nicht wissen, ob die Schweizer
    nach dem Erscheinen des Jahrb wirklich
    austreten, was auch auf die Präsidenten-
    wahl Einfluß nehmen müßte. Mich selbst
    möchte ich gerne ausschließen, resp. für
    einen unbestimmten äußersten Fall
    reservieren. Auch Ihr ehrenvoller Vor-
    schlag ist mir nicht sympathisch, erstens hat
    er etwas, was nach a.D. schmeckt, und
    zweitens scheint mir die gegenwärtige

  • S.

    schlechte und krisenhafte Zeit nicht für eine
    Ehrung geeignet. Ich will aber nicht ver-
    säumen, Ihnen für die freundliche Idee
    herzlich zu danken. In ruhigen erfolgreichen
    Zeiten hätte ich es gerne angenommen.
    Vorläufig scheint mir die Institution
    von Präsident u Vizepräsident unentbehrlich,
    und die Verteilung dieser Funktionen
    auf Sie und Jones, mit Alternieren in
    kurzen (2j) Intervallen ratsam. Doch wie gesagt,
    ich bin sicher, daß das Komitee selbst
    ohne Störung durch persönlichen Ehrgeiz
    diese Frage zur Lösung bringen wird.
    Recht gekränkt bin ich durch meine
    seit Ostern anhaltende Arbeitsunlust
    oder Unfähigkeit. Diese Woche habe ich
    endlich die Korrektur des ersten
    Drittels vom „Beitrag zur ψa Bewegg“
    erledigt, jenes Stück an dem so gut
    wie nichts zu ändern war. Ich habe nur
    ein Motto hinzugefügt: Fluctuat nec mergitur,
    und den Namen Rank in ein anonymes
    Lob eingesetzt. Im dritten Abschnitt
    gedenke ich vieles zu modifizieren.

  • S.

    Alle Ihre Arbeitspläne begrüße ich mit
    voller Sympathie. Ich erwarte morgen
    durch Sachs über Sie u Berlin zu hören.
    Nehmen Sie diesem Schreiben das
    niedrige Niveau von Stimmung
    nicht übel, und seien Sie mit den
    Ihrigen herzlich gegrüßt von
    Ihrem Freud