• S.

           7. 6. 08
    PROF. DR. FREUD        WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Lieber Herr College
    Ich habe an diesem regnerischen Pfingsttage Ihre modifizierte Arbeit für die "Schriften zur Angewandten Seelenkunde" durchgelesen und will als erster Leser Ihnen Dank und volle Anerkennung nicht vorenthalten, zumal da ich nicht weiß, ob sie Ihnen von anderer Seite zukommen werden. Es ist alles so klar, gut gebaut und fundiert, voll von Überzeugung und frei von Mißverständnis wie von Mißverständlichkeit. Die Schrift hat mir sehr gefallen. Sie haben recht, es ist kein Essay, sondern eine Abhandlung, aber das ist schließlich Ihre Wahl gewesen, und die werbende Kraft des Ganzen hat dadurch vielleicht nur gewonnen.

  • S.

    Es hat mich sehr frappirt, daß Sie bei 
    den großen Völkerpsychologen so 
    weitgehende Übereinstim̄ung mit 
    unseren Auffassungen u Ausdrücken 
    gefunden haben.

    Darf ich Ihnen einige Kleinigkeiten vorschlagen? Bei dem Stab Mosis vor dem Pharao noch die beweiskräftige Einzelheit heranzuziehen, daß die Verwandlung aus dem starren Holz in die schmiegsame Schlange ja nichts anderes ist als die unverhüllte (umgekehrte) Darstellung der Erektion, in gewissem Sinn das auffälligste Phänomen, das dem Menschen begegnete. Ferner etwa meine Worte über den Mythus im Vortrag "Der Dichter und das Phantasieren" zu erwähnen, die sich mit Ihrer Auffassung ja sehr gut decken. Die erfrischende Wirkung des Samens kommt meines Wissens in der indischen Erotik direkt zum Ausdruck.

  • S.

    Ich kenne darüber eine Andeutung in Fuchs: Das erotische Element in der Karikatur, p. 29-30. Ferner steckt im Somatrank wohl die wichtigste Ahnung, daß alle unsere berauschenden Getränke und erregenden Alkoholoide nur Ersatz sind für das eine, noch zu suchende Toxin der Libido, das den Liebesrausch erregt. -
    Herr Rank beschäftigt sich mit der Zusammenstellung der Literatur für Sie. Ihre Arbeit werde ich noch vor dem Ferienbeginn zum Druck befördern; ich muß dem Verleger noch einige Wochen Ruhe gönnen.
    Persönlich (das Stichwort ist eben gefallen) zähle ich die Wochen, bis ich ebensoweit gekommen sein werde. Wir haben in Berchtesgaden gemietet, wohin

  • S.

    sich ein Teil der Familie Ende des Monats Juni, ich am 15. Juli, begeben werden. Die literarische Arbeit dort ist doch nur Vergnügen gegen die schwere Plage im Beruf.
    Indem ich wünsche, daß auch Ihnen die "Mohrenwäsche" an den Nervösen bald ebenso zuwider sei, wie sie es mir geworden ist, grüße ich Sie herzlich
           Ihr treu ergebener
           Freud